Christlicher Existenz
Überwindung von Spaltungen
| Predigttext | 1. Kor 3, (1-8) 9-17 (mit exegetischer und homiletischer Einführung) |
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| Kirche / Ort: | Magdeburg |
| Datum: | 23.08.2026 |
| Kirchenjahr: | 12. Sonntag nach Trinitatis |
| Autor: | Pastor Dr. habil. theol. Günter Scholz |
Predigttext: 1. Kor 3, (1-8) 9-17 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)
[1 Und ich, Brüder und Schwestern, konnte nicht zu euch reden wie zu geistlichen Menschen, sondern wie zu fleischlichen, wie zu unmündigen Kindern in Christus. 2 Milch habe ich euch zu trinken gegeben und nicht feste Speise; denn ihr konntet sie noch nicht vertragen. Auch jetzt könnt ihr's noch nicht, 3 denn ihr seid noch fleischlich. Denn wenn Eifersucht und Zank unter euch sind, seid ihr da nicht fleischlich und lebt nach Menschenweise? 4 Denn wenn der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere aber: Ich zu Apollos –, ist das nicht nach Menschenweise geredet? 5 Was ist nun Apollos? Was ist Paulus? Diener sind sie, durch die ihr gläubig geworden seid, und das, wie es der Herr einem jeden gegeben hat: 6 Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben. 7 So ist nun weder der etwas, der pflanzt, noch der begießt, sondern Gott, der das Gedeihen gibt. 8 Der aber pflanzt und der begießt, sind einer wie der andere. Jeder aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit.] 9 Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. 10 Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. 11 Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. 12 Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, 13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. 14 Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. 15 Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch. 16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? 17 Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.
Exegetische Bemerkungen
In Kapitel 1 – 6 geht es um das rechte Verständnis christlicher Existenz in Abgrenzung gegen Spaltungen (1,10-17; 3,5-8; 3,21-23), gegen gnostische Weisheitsspekulation und Ruhmsucht der Korinther, als seien sie darin die besseren Christen (1,18 – 2,16; 3,18-23; 4,6-13). Paulus setzt dagegen da einzig wahre „Wort vom Kreuz“ (1,18), dem er sich verpflichtet weiß (2,2), und er sieht wahres Christsein durchdrungen allein vom Geist Gottes (2,12; 3,16; 6,19.20). In Kapitel 7 kommt er zu anderem: „Nun zu dem, wovon ihr geschrieben habt …“.
So kann man Kapitel 3,1-16 als die Mitte der Kapitel 1 – 6 ansehen, nicht nur nummerisch, sondern auch thematisch. Denn hier sind Überwindung der Spaltung (3,1-4) im irenischen allumfassenden Mitarbeitergedanken (3,5-10), in der Besinnung auf das Fundament Jesus Christus (3,11) und im Gedanken der Einwohnung des heiligen Geistes in allen Christen angestrebt.
Der Text gliedert sich in 5 Abschnitte:
3,1-4: Gegen Spaltungstendenzen in der Gemeinde … 3,5-8: … mit dem Argument des „Diakonats“ aller Apostel unter Gottes Gnade (Gärtnerbild). 3,9-11: … mit dem Argument der Mitarbeiterschaft aller Apostel unter Gottes Gnade (Baumeisterbild); … mit dem verbindenden Fundament Jesus Christus.
3,12-15: Einschub: Gericht über gute und schlechte „Bauwerke“ (Gemeindekonzepte). Trennung von Person und Werk: Gottes Rettungswille setzt sich an der Person durch. „Gnade“ zu behaupten ist nur sinnvoll „durch das Gericht hindurch“. 3,16-17: … mit dem verbindenden Band des heiligen Geistes.
Es geht um die Einheit der Gemeinde. Die Klammer quasi „von unten“ sind die Apostel im Dienst Gottes, die Klammer „von oben“ ist Jesus Christus und der Heilige Geist. Exegetisch interessant ist die bibliodramatische Struktur des Textes. Es gibt vier „Personen“ bzw. Instanzen:
Ich/Paulus: habe gepflanzt, bin Diener und Mitarbeiter Gottes, habe den Grund gelegt (werde gerichtet).
Sie/Apollos und die anderen: haben begossen, sind Diener und Mitarbeiter Gottes, haben weiter gebaut, werden gerichtet.
Ihr: seid Gottes Ackerfeld, seid Gottes Bau, seid Gottes Tempel.
Gott: gibt Gedeihen, hat den Grund gelegt: Jesus Christus, gibt Lohn, rettet, erfüllt mit seinem Geist.
Die bibliodramatische Struktur unterstreicht die Einheit der Gemeinde als Gottes Gabe. Sie hat per se auch die Form des Appells.
Homiletische Bemerkungen
Die Perikopenordnung sieht für den 12. Sonntag nach Trinitatis den Predigttext 1. Kor 3,9-17 vor. Sie blendet den historischen Hintergrund der irenischen Feststellung „Wir sind Gottes Mitarbeiter“ aus, die Konkurrenz zweier „Konfessionen“, der paulinischen und der apollonischen. Übrig bleibt ein Mitarbeiterprofil, geeignet für einen Gottesdienst zu Ehren eben der gemeindlichen Mitarbeiter.
Aber gerade der urchristliche Bekenntnisstreit ist doch interessant für den Gottesdienstbesucher, weil dieser Analogien zur evangelisch-katholischen Gegenwart herzustellen vermag und beobachten kann, wie Paulus über den Konfessionsstreit hinausführt. Hier läge ein Anknüpfungspunkt. Selbst dieses Thema droht freilich zu einem innerkirchlichen Dialog zu werden, das nur Pastoren/innen, Diakone/innen und Kirchenleitungen interessiert. Andererseits ist davon auszugehen, dass der/die Gottesdienstteilnehmer/in angesprochen ist von der Frage, was die Gemeinde Jesu Christi, zu der er/sie gehört, eint: das Fundament Jesus Christus (3,11) und das einigende Band des heiligen Geistes (3,16).
Gelegentlich versuche ich, die Grenzen des innerkirchlichen Dialogs zu überschreiten, indem ich den Begriff des „mündigen Christen“ problematisiere oder die Vision eines „gemeinsamen Hauses Kirche“ entwickle. 1. Korinther 3,12-15 berühre ich kaum. Das ist ein Thema für sich. Wie geht die katholische Kirche mit den Pius-Brüdern um? Sie hat das Mittel der Exkommunikation, aus der evangelischen Kirche kenne ich abgesehen von den Verwerfungen der Bekennenden Kirche so etwas nicht.