„Durch seine Wunden seid ihr heil geworden…“
Für unseren Glauben auf den Punkt gebracht
| Predigttext | 1. Petrus 2,21b-25 |
|---|---|
| Kirche / Ort: | Herringhausen / 32051 Herford |
| Datum: | 19.04.2026 |
| Kirchenjahr: | Miserikordias Domini (2. Sonntag nach Ostern) |
| Autor: | Pfarrer Christian Rasch |
Predigttext: 1. Petrus 2,21b-25 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017) 21 [Denn dazu seid ihr berufen, da auch] Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; 22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; 23 der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; 24 der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. 25 Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
In der letzten von Martin Luther selbst herausgegebenen Bibelausgabe von 1545 wurden wichtige Bibelstellen, die sogenannten Kernstellen, zum ersten Mal mit größerer Schrift gedruckt, damit Leser sie leichter finden konnten. Dieser Tradition folgt die Lutherbibel bis auf den heutigen Tag. Im Laufe der Jahrhunderte wurden diese Stellen nach theologischen Kriterien erweitert und immer wieder angepasst. In der Revision von 2017 gibt es beispielsweise 1082 fett gedruckte Verse, was ca. 3 % des Textes entspricht. Die Lutherbibel ist übrigens die einzige gängige Bibelübersetzung, die eine solche feste Auswahl an hervorgehobenen Kernstellen enthält. Auch wenn manche Experten davor warnen, dass diese Kernstellen biblische Gedanken aus ihrem Kontext lösen könnten, sind sie doch ein Hinweis auf die Gewichtigkeit eines besonderen biblischen Wortes.
I
Der Predigttext des zweiten österlichen Sonntags „Miserikordias Domini“, der sogenannte Hirtensonntag, enthält so eine fettgedruckte Kernstelle. Eigentlich ist sie, wenn man den Kontext beachtet, ein Fazit, das im Rahmen einer Ermahnung an die christlichen Sklaven geschrieben wurde. Diese Ermahnung erinnert die Sklaven an das Vorbild Jesu Christi und ermuntert die Unterdrückten – theologisch nicht ganz unproblematisch – stille zu halten und in der Leidensnachfolge zu stehen.
Als Fazit wird für die Ermöglichung der Leidensnachfolge eine Begründung gegeben, die Luther so wichtig war, dass er sie schon im Original hervorgehoben hat. Denn sie erhält – in diesem Falle unabhängig vom Kontext – ihr eigenes Gewicht durch den unmittelbaren Bezug auf das Passions- und Ostergeschehen. Am Ende von Vers 24 heißt es: „Durch seine Wunden seid ihr heil geworden“. Hier ist – für Luther offensichtlich – die ganze christliche Botschaft komprimiert zusammengefasst: Durch Christi Leid und Auferstehung ist den Menschen das Heil widerfahren.
„Heil werden“ kann man hier im wahrsten Sinne ganzheitlich verstehen. Das Kranke und Verletzte heilt wieder. Wunden – ob physisch oder seelisch, schließen sich. Das Zerbrochene, sei es durch Gewalt zerstört oder aber ein gebrochenes Herz, setzt sich wieder zusammen und wird heil. Dieses Heil, das Jesus durch seine Passion ermöglicht, lässt das Leid und die Wunden nicht außen vor, sondern integriert sie. Darum kann man Passion und Auferstehung nicht voneinander trennen.
II
„Durch seine Wunden seid ihr heil geworden“ – das ist eine biblische Kernstelle, die anscheinend von so großer Bedeutung war, dass sie ebenfalls Eingang gefunden hat in den „Messias“ von Georg Friedrich Händel. Händels „Messias“ (HWV 56) ist ein dreiteiliges Oratorium, das die Heilsgeschichte anhand biblischer Texte darstellt.
Der erste Teil behandelt Prophezeiungen und die Geburt Christi, der zweite sein Leiden, Sterben und die Auferstehung, während der dritte den Sieg über den Tod und das ewige Leben thematisiert. Das mit Abstand bekannteste Stück aus dem Messias ist der Abschlusschor des zweiten Teils, das berühmte Halleluja, das zu den meist aufgeführten Stücken der Musikliteratur überhaupt gehört. Auch hier sehen wir, dass Leiden und Sterben letztendlich in das Halleluja, den österlichen Auferstehungsruf münden. In eben diesem zweiten Teil des Messias, dem Passionsteil, finden wir auch das Zitat aus unserem Predigttext als einem der drei Chöre des Leidens: „Wahrlich, er litt…“, „Durch seine Wunden…“ und „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe…“.
Nun ist es vielleicht erstaunlich, dass ein so nach Passion klingendes Zitat es in einen Predigttext für einen Sonntag der Osterzeit geschafft hat. Aber auch hier hilft es, den unmittelbaren Kontext zu betrachten. Ebenfalls als fettgedruckte Kernstelle schließt der folgende Vers 25 an: „Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“ Hier erschließt sich die Beziehung des Predigttextes zum Hirtensonntag.
III
Ohne Christi Heilstat sind wir wie irrende Schafe. Ganz wörtlich könnte man sagen: Wir leben unser Leben ziellos, weichen unweigerlich vom rechten Pfad ab und können – das ist ja tiefe protestantische Überzeugung – aus eigener Kraft nicht zu Gott zurückfinden.
Wir können das deutsche Wortspiel natürlich auch erweiter: Wir irren, wenn wir meinten, dass wir unser Glück selbst schaffen, uns unseren Lebenssinn selbst geben und die Erlösung durch eigene Anstrengung finden würden. Darum ist das Hirtenbild in diesem Text auch nicht idyllisch, sondern ermahnend. Wenn eine Schafherde durchgeht und sich verirrt, finden die verlorenen Schafe aus eigener Kraft nicht zurück. Da muss der gute Hirte sich schon selbst auf den Weg machen, um alles wieder in Ordnung zu bringen.
Christus hat sich auf den Weg gemacht. Der Weg, um die verlorenen Schafe wieder zurückzuholen, hat ihn direkt ans Kreuz gebracht. Durch seine Wunden heilt er die Gottverlassenheit der Menschen. Er führt seine Herde zusammen von den Enden der Erde und ermöglicht in der Tiefe wahres Glück, Lebenssinn und Erlösung. Die Wunden des Gotteslamms und die Rettung der verlorenen Schafe finden hier zusammen.
Es ist klar, das Glück und Lebenssinn nicht auf materiellen Gütern basieren können. Trotzdem macht der Mensch immer wieder denselben Fehler, wenn er sich aufs Materielle verlässt. Vielleicht darum ist es dem ersten Petrusbrief noch einmal besonders wichtig, darauf hinzuweisen, dass wir nicht nur zum guten Hirten, sondern auch zum Bischof, das heißt zum Aufseher, unserer Seelen zurückgebracht werden.
Das Amt des Bischofs, wie es der erste Petrusbrief hier interpretiert, ist dabei weniger am Machtgefüge, wie es sich in den Jahrhunderten etabliert hat, ausgerichtet. Der Bischof mit dem Hirtenstab gibt zuallererst Orientierung. Er ist ein verlässlicher Fixpunkt. Der Predigttext bezieht damit einen Grundgedanken des 23. Psalms als Wochenpsalm des Hirtensonntags in die Überlegung mit ein: „Dein Stecken und Stab trösten mich…“
Trost und Orientierung, das ist eine Dimension, die das Materielle weit übersteigt. Denn Glück und Lebenssinn hat immer auch zuerst eine spirituelle Dimension, die uns in Christi Erlösungstat erschlossen wird. Christus wird damit zum Orientierungspunkt für unser gesamtes Leben.
IV
Um noch einmal zu Luthers Kernstellen, den dickgedruckten Versen zurückzukommen: Ich glaube, dass Martin Luther uns in diesem Sinne durch seine Auswahl besonders aussagekräftige „Hirtenstellen“ hinterlassen hat. Besondere Stellen, die uns in der Gesamtheit der Heiligen Schrift für unseren Glauben konzentriert und auf den Punkt gebracht Orientierung ermöglichen können. Die irrenden Schafe werden nicht in ihr Verderben rennen, sondern kehren zum wahren Hirten zurück.
Etwas anders, aber im gleichen Duktus, hat übrigens Charles Jennens, der Librettist und Autor des „Messias“, seine Textzusammenstellung gestaltet. Auf das „Durch seine Wunden…“ folgt als dritter Chor des Leidens eine andere Hirtenstelle, und zwar aus Jesaja 53,6: „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg; aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn.“ Auch hier irren die Schafe und sehen immer nur auf den eigenen Weg. Ebenso, wie in dem im Petrusbrief vorausgehenden Vers 24 kommt hier explizit die Sünde mit ins Spiel. Schafe, die nur auf ihre eigenen Wege achten und Sünde?
Ich bin fest davon überzeugt, dass alle Sünde im Egozentrismus und im Selbsterlösungsglauben des Menschen begründet liegt. Dann geht der Mensch buchstäblich verloren. Darum passt auch die Metapher von den Schafen so gut zum Kreuzesgeschehen.
Christus erlöst uns in seiner Tat am Kreuz von der immer zum Scheitern verurteilten Selbsterlösung, vom Egozentrismus, immer nur auf den eigenen Weg sehen zu müssen und dadurch immer weiter in die Irre zu gehen. Was in jedem landwirtschaftlichen Betrieb ein völliger Unsinn wäre – denn nur ein lebensmüder Hirte gäbe sein Leben für Schafe – das wird im Bild vom guten Hirten, der diesem österlichen Sonntag seinen Namen gegeben hat, wahr. Einmal hat er es getan, der gute Hirte, und hat sein Leben gegeben für die Erlösung der Vielen und hat damit alle, die verloren waren, zurückgebracht zu dem, der der Hirte aller ist: Unsern Vater im Himmel.