Predigt

Eine trotzig-zuversichtliche Vision

Kraft, die aufrichtet

PredigttextJesaja 61,1–3(4.9)10.11 (mit Einführung)
Kirche / Ort:Worms-Weinsheim und Worms-Horchheim
Datum:04.01.2026
Kirchenjahr:2. Sonntag nach dem Christfest
Autor:Dr. Raphael Zager, wiss. Mitarb.

Predigttext: Jesaja 61,1–3(4.9)10.11 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)

1 Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2 zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, 3 zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des Herrn«, ihm zum Preise. 4 Sie werden die alten Trümmer wieder aufbauen und, was vorzeiten zerstört worden ist, wieder aufrichten; sie werden die verwüsteten Städte erneuern, die von Geschlecht zu Geschlecht zerstört gelegen haben.

9 Und man soll ihr Geschlecht kennen unter den Völkern und ihre Nachkommen unter den Nationen, dass, wer sie sehen wird, erkennen soll, dass sie ein Geschlecht sind, gesegnet vom Herrn. 10 Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. 11 Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der Herr Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern.

Exegetische und homiletische Hinführung

Jesaja 61 steht im Zentrum der großen Zionsverheißungen der nachexilischen Zeit und entfaltet eine Hoffnung, die aus einer tiefen Erfahrung von Mangel, Verwüstung und Enttäuschung erwächst. Eine nicht eindeutig identifizierbares Ich (Frau Zion, Gottesknecht, Prophet Jesaja oder eine messianisch-prophetische Gestalt) spricht von ihrer Beauftragung durch Gottes Geist: gesalbt, gesandt, bevollmächtigt – aber nicht zur politischen Machtausübung, sondern zur Zuwendung zu den Elenden.

Das Heil, das hier angekündigt wird, richtet sich an die Trauernden, Gebrochenen und Gefesselten und vollzieht sich als Verwandlung: von Asche zu Schmuck, von Ohnmacht zu Standfestigkeit, von Trauer zu Freude. Besonders das Bild der „Bäume der Gerechtigkeit“ macht deutlich, dass die Angesprochenen nicht bloß Empfänger von Trost bleiben, sondern selbst wachsen, selbst zu sichtbaren Zeichen göttlicher Gerechtigkeit werden. Der Text lebt dabei von einer Spannung: Die Verheißung ist groß und eindrücklich formuliert, ihre Erfüllung bleibt jedoch ausständig. Gerade darin liegt seine Kraft.

Jesaja 61 ist kein triumphalistischer Text, sondern Ausdruck widerständiger Hoffnung in einer Zeit, in der politische Selbstbestimmung fehlt und religiöse Identität unter Druck steht. Heil erscheint nicht als abruptes Eingreifen, sondern als Prozess, der wächst wie ein Garten, dessen Aufblühen sich nicht erzwingen, aber auch nicht aufhalten lässt.

Homiletisch öffnet der Text einen Resonanzraum für eine Predigt nach dem Christfest, in einer Zeit, in der nach der Freude des Weihnachtsfestes Ernüchterung und Alltagsroutinen zurückkehren. Aus Jesaja 61 spricht die Erfahrung, dass Hoffnung oft im Widerspruch zur sichtbaren Wirklichkeit steht. Zugleich wird dieser Wirklichkeit hier eine trotzig-zuversichtliche Vision entgegengesetzt.

Die Predigt kann diese Spannung fruchtbar machen, indem sie nicht vorschnell von Erfüllung spricht, sondern Hoffnung als Kraft beschreibt, die gerade aus Verletzlichkeit und Begrenzung erwächst. Die starken Bilder des Textes laden dazu ein, existenzielle Erfahrungen von Verlust, Müdigkeit und Neubeginn aufzunehmen und mit der Verheißung eines Gottes zu verbinden, der Menschen nicht übergeht, sondern verwandelt. Heil bricht an, bleibt aber gefährdet und angefochten.

Schlagworte

Hoffnung; Verwandlung; Gerechtigkeit; Zuspruch; Widerstand

Lektürehinweise

Ulrich Berges, Jesaja 55–66. Übers. und ausgelegt, HThK.AT, Freiburg i. Br. 2022:

Alexander Weidner, Exegese kompakt: Jesaja 61,1-3(4.9)10.11 u. Angela Rinn, Praktisch-theologische Resonanzen (URL: https://www.die-bibel.de/ressourcen/efp/reihe2/2-nach-christfest-jesaja-61)

Lieder

„Wie ein Fest nach langer Trauer“ (EG+ 135) „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen“ (EG 56,1-3)

Neuigkeiten

Weihnachtsgruß 2025

Gott spricht: Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln...

Manfred Wussow, Rezension zum Buch von Heinz Janssen "Aus den Quellen schöpfen"

im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt, Heft 12 / Dezember 2025: https://www.pfarrerverband.de/rezension-detailansicht/aus-den-quellen-schoepfen

Alle Neuigkeiten lesen

Spenden

Die Nutzung des Heidelberger Predigt-Forums ist kostenlos. Das Redaktionsteam arbeitet ehrenamtlich. Kosten entstehen für Hosting sowie professionelle Websitepflege. Durch Ihren Obolus helfen Sie uns bei der Finanzierung.

Überweisung jetzt per paypal und flattr möglich.
Vielen Dank.
Heinz Janssen
Heidelberger Predigt-Forum