Das Redaktionsteam des Heidelberger Predigt-Forum begrüßt herzlich und dankbar unsere neu gewonnene Autorin Pfarrerin Julia Schnizlein aus Wien.
Julia Schnizlein ist Pfarrerin in der Lutherischen Stadtkirche in Wien und Pfarrerin der EKiÖ für den Digitalen Raum. Sie hat in Heidelberg und Amsterdam Theologie studiert und anschließend Journalismus in Wien.
Dr. theol. Heinz Janssen
Herausgeber und Schriftleiter
Heidelberger Predigt-Forum
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(Predigt)
Die großen Irrtümer der Geschichte beginnen oft mit großer Gewissheit. Mit Sätzen wie: „Das geht nicht.“ „Das war noch nie so.“ Oder: „Das wird nie funktionieren.“ Das klingt vernünftig. Das klingt nach Erfahrung. Nach gesundem Menschenverstand. Und doch zeigt die Geschichte immer wieder: Menschen können sich sehr sicher sein – und gleichzeitig völlig danebenliegen.
I
Stellen Sie sich vor, jemand hätte vor 300 Jahren gesagt: „Eines Tages steigen wir in eine Metallröhre, fliegen durch die Luft und trinken dabei Tomatensaft“. Man hätte gelacht und nach einem Arzt gerufen. Heute buchen wir ganz selbstverständlich Flüge.
Oder stellen Sie sich vor, jemand hätte damals gesagt: „Das Herz eines Menschen kann im Körper eines anderen weiterschlagen“. Man hätte im besten Fall „Blasphemie“ gerufen. Heute retten Herztransplantationen jedes Jahr tausenden Menschen das Leben. Noch vor 50 Jahren war ein Computerpionier felsenfest überzeugt: „Es gibt keinen Grund, warum jemand einen Computer zu Hause haben wollte“. Heute tragen Milliarden Menschen einen kleinen Computer in Hand- oder Hosentasche.
Im Rückblick kann man über solche Irrtümer leicht lachen. Aber für die Menschen, die Neues wagten, war es damals alles andere als leicht. Sie mussten gegen Spott ankämpfen, gegen Widerstände, gegen die Überzeugung der Mehrheit. Wer neue Wege wagte, musste sich anhören: „Lass das“. „Das hat noch nie funktioniert.“ „Mach dich nicht lächerlich.“ Denn wir Menschen hängen erstaunlich hartnäckig an dem, was wir für sicher halten. Und wenn jemand kommt und sagt: „Vielleicht geht es auch anders“, reagieren wir selten mit Neugier, sondern eher mit Abwehr. Der Ökonom John Kenneth Galbraith hat einmal geschrieben: „Wenn Menschen vor der Wahl stehen, ihre Meinung zu ändern – oder zu beweisen, dass das nicht nötig ist –, entscheiden sich die meisten für Letzteres".
Ein trauriges, aber eindrucksvolles Beispiel dafür ist der lange Vorenthalt von Bildung und Rechten für Frauen. Über Jahrhunderte, ja Jahrtausende hinweg versuchten Männer, mit wissenschaftlichen, philosophischen und theologischen Argumenten die angebliche Unterlegenheit der Frau zu begründen. Der große griechische Philosoph Aristoteles schrieb im 4. Jahrhundert vor Christus: „Das Weib ist gewissermaßen ein verstümmelter Mann“. Wenn Frauen als eine defizitäre Variante des Mannes gelten, liegt es nahe, ihnen auch jene Fähigkeiten abzusprechen, die man für wissenschaftliches Denken oder politische Verantwortung braucht.
Die Kirchenväter begründeten die untergeordnete Stellung der Frau mit ihrer Deutung der Schöpfungsordnung und mit der theologischen Interpretation des sogenannten Sündenfalls – Stichwort Erbsünde. Und selbst ein aufgeklärter Philosoph wie Immanuel Kant schrieb noch im 18. Jahrhundert sinngemäß: Eine Frau, die sich ernsthaft mit Wissenschaft beschäftigt, verstoße gegen ihre Natur. Im 19. Jahrhundert kam auch noch ein medizinisches Argument hinzu: Bildung sei für Frauen gefährlich und schade ihrer Fortpflanzungsfähigkeit.
Heute lesen wir solche Sätze und schütteln fassungslos den Kopf. Doch damals wurden sie ernsthaft zitiert, diskutiert und gelehrt. Mit solchen Argumenten begründete man, warum Frauen kein eigenes Geld besitzen sollten, nicht wählen durften und keinen Zugang zu Universitäten bekamen. Man war sich sehr sicher zu wissen, was Frauen können – und was nicht.
II
Und genau in dieser Welt wächst hier in Wien eine junge Frau auf: Elise Richter. Sie wird 1865 als Tochter jüdischer Eltern geboren, hochbegabt, wissbegierig, fasziniert von Sprachen und Literatur. Mit 25 Jahren lässt sie sich hier in unserer Kirche taufen und tritt zum evangelischen Glauben über. Ihre Eltern fördern ihre Bildung, doch der Weg zur Universität bleibt für Frauen versperrt. Frauen dürfen nicht einmal die Matura (Abitur) ablegen. Ohne Matura kein Studium.
Aber Elise Richter will sich nicht in ihr angebliches Schicksal fügen. Sie akzeptiert diese Grenze nicht. Sie besucht Vorlesungen als Gasthörerin, sitzt im Hörsaal, obwohl sie offiziell gar nicht Studentin sein darf, hört zu, schreibt mit, liest, arbeitet, studiert im Selbststudium weiter.
Als Frauen schließlich doch endlich zur Externistenmatura zugelassen werden, meldet sie sich sofort an. 1897 besteht Elise Richter als erste Frau Österreichs die Matura. Ihre akademische Laufbahn beginnt, als andere längst Professoren sind. Doch sie gibt nicht auf. Sie studiert, forscht, schreibt wissenschaftliche Arbeiten. Und 1907 geschieht etwas, das es an der Universität Wien noch nie gegeben hat: Elise Richter habilitiert sich. Zum ersten Mal erhält eine Frau in Österreich die Lehrbefugnis an einer Universität. Eine Grenze ist gefallen. Ein Vorurteil ist widerlegt. Ein Glaubenssatz, der so viele Jahrtausende gültig war: nämlich: „Frauen können nicht wissenschaftlich arbeiten“, hat seine Macht verloren.
Solche Momente gibt es immer wieder in der Geschichte der Menschheit. Etwas gilt als völlig unmöglich und undenkbar – bis jemand das Gegenteil beweist. Nelson Mandela hat genau das einmal auf den Punkt gebracht: „Es scheint immer unmöglich, bis es getan ist.“ Genau so denkt auch der Apostel Paulus, wenn er über Ostern spricht. Er schreibt: „Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind“
III
Christus war der erste! Der Erste, der die Grenze des Todes überwunden hat. Aber auch Paulus sieht sich mit Menschen konfrontiert, die sagen: Das ist unmöglich. „Es gibt keine Auferstehung der Toten!“ (1. Kor 15,12) Aber Paulus steht da und sagt: „Ihr denkt, das geht nicht? Doch. Einer hat es getan. Einer hat den Anfang gemacht – diese Grenze ist ein für alle Mal überwunden.“
Bis dahin war die Sache klar: Menschen sterben. Punkt. Und wer tot ist, bleibt tot. Das war keine Theorie, sondern Erfahrung – Generation um Generation. Am Karfreitag schien sich genau das noch einmal zu bestätigen. Jesus ist tot. Mit seiner Bewegung ist es aus und vorbei. Die Jünger hätten sagen können: „Wir haben uns getäuscht“ – „Das war’s“ – „Gehen wir nach Hause“. Niemand wartete auf ein Wunder.
Und dann kommt Ostern. Die Frauen kommen zum Grab und sehen: „Es ist leer“. Und sie erzählen: „Jesus lebt. Wir haben ihn gesehen“. Man kann sich vorstellen, wie andere reagieren: „Völlig unmöglich! So etwas gibt es nicht. Das kann nicht sein“. Und doch halten die ersten Christinnen und Christen daran fest: Jesus lebt. Sie haben es erfahren, gespürt. Und bis heute spüren Menschen diesen Christus, der als erster Mensch den Bann des Todes gebrochen und den Tod hinter sich gelassen hat. Christus hat eine Grenze überwunden, die bis dahin als absolut galt. Er ist auferstanden – als Erster und wir dürfen folgen. Weil der Weg schon geebnet ist.
So erzählt Ostern bis heute von einem Gott, der sagt: „Eure Grenzen sind nicht meine Grenzen. Eure letzten Worte sind für mich nicht die letzten Worte“. Wenn man so will, ist Ostern ein Pionierwerk Gottes, ein Durchbruch, ein „Das geht doch!“ Und das gilt für all die vermeintlichen Tode und Grenzen in unserem Leben. Auch wir kennen diese inneren Stimmen: „Das wird nie mehr gut“ - „Diese Freundschaft ist aus und vorbei“ - „Da kann man nichts machen“. Solche Sätze sind wie kleine Gräber. Wir legen etwas hinein – eine Beziehung, einen Traum, eine Hoffnung – und sagen: „Das war’s“. Karfreitag klingt genau so: ein Grab, ein Stein, endgültig. Und dann kommt Ostern. Und Gott sagt: „Nein“ – „So nicht“ – „Das ist nicht das Ende“. Der Stein ist nicht das Ende des Weges. Das Grab ist nicht der letzte Ort. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Christus ist auferstanden. Damit öffnet sich ein Weg – mitten durch das, was wir für endgültig gehalten haben.
Vielleicht beginnt Ostern genau dort, wo ein Mensch sagt: „Ich probiere es noch einmal“. Wo jemand den Mut findet: „Können wir reden?“ Wo einer denkt: „Ich bin am Boden – aber ich gebe nicht auf“. Wo jemand mitten im Dunkel spürt: „Auch wenn es allem widerspricht – ich erwarte Auferstehung“. Denn die Geschichte endet nicht im Grab. Sie beginnt dort.
Die Welt verdankt so Vieles genau solchen Menschen. Denen, die fragen: Muss das wirklich so bleiben? Die glauben, dass mehr möglich ist, als wir denken. Ohne sie gäbe es keine moderne Medizin, keine Flugzeuge, kein Internet und keine Frauen an Universitäten – ja nicht einmal den Versuch einer Gleichberechtigung. Jede große Veränderung beginnt damit, dass jemand den Mut hat, Gewissheiten in Frage zu stellen – und das scheinbar Unmögliche zu wagen.
Ostern will daher nicht nur gefeiert werden. Ostern will gesucht werden – jeden Tag: in kleinen Schritten, in neuen Anfängen, im Mut, noch einmal zu hoffen. Ostern sagt uns: Es ist mehr möglich, als du glaubst. Ja, mehr noch: Alles ist möglich dem, der an Gott glaubt. Und nichts – gar nichts – muss für immer so bleiben, wie es ist. Nicht die Welt. Nicht deine eigene Geschichte. Nicht einmal der Tod.