Gefühle, Empathie und Liebe
Aus Zwängen ausbrechen
| Predigttext | Markus 14,3-9 |
|---|---|
| Kirche / Ort: | Ev. Kirche / Walldorf b. Heidelberg |
| Datum: | 29.03.2026 |
| Kirchenjahr: | Palmsonntag (6. Sonntag der Passionzeit) |
| Autor: | Pfarrer Dr. Uwe Boch |
Predigttext: Markus 14, 3-9 (Übersetzung: Gute Nachricht)
Jesus war in Bethanien bei Simon, dem Aussätzigen zu Gast. Während des Essens kam eine Frau herein. Sie hatte ein Fläschchen mit reinem kostbarem Nardenöl. Das öffnete sie und goss Jesus das Öl über den Kopf. Einige der Anwesenden waren empört darüber: Was soll diese Verschwendung? Sagten sie zueinander. Dieses Öl hätte man für mehr als dreihundert Silberstücke verkaufen und das Geld den Armen geben können. Sie machten der Frau heftige Vorwürfe. Aber Jesus sagte: Lasst sie in Ruhe! Warum bringt ihr sie in Verlegenheit? Sie hat eine gute Tat an mir getan. Arme wird es immer bei euch geben, und ihr könnt ihnen helfen, sooft ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht mehr lange bei euch. Sie hat getan, was sie jetzt noch tun konnte: Sie hat meinen Körper im Voraus für das Begräbnis gesalbt. Ich versichere euch: Überall in der Welt, wo in Zukunft die Gute Nachricht verkündet wird, wird auch berichtet werden, was sie getan hat. Ihr Andenken wird immer lebendig bleiben.
„Überall in der Welt, wo in Zukunft die Gute Nachricht verkündet wird, wird auch berichtet werden, was sie getan hat.“
I
Selten führt uns ein Bibelabschnitt so schnell und unwiderstehlich vom gestern ins heute. Nicht, weil Jesus auf sein Begräbnis hinweist. Das passt natürlich gut in die kirchliche Passionszeit. Und ist auch so gedacht. Sondern, weil wir seit mehr als einer Woche mitten im Thema sind: Eine Frau äußert sich in einer Männergesellschaft. Sie kehrt ihr Innerstes nach außen. Und erfährt die erwartbare Ablehnung.
Natürlich geht es hier nicht um das, was uns derzeit bewegt. Und mich auch sehr unruhig macht. Es geht nicht um digitalen Missbrauch. Und auch nicht um die Justiz, die versagt. Und die Öffentlichkeit, die sich in Mitfühlende, Ablehnende und Gleichgültige spaltet. Es geht um die Strukturen und Mechanismen, die über alle Zeiten gelten. Es geht um Klischees und ihre naturgemäß unbewusste Gegenwart. Es geht um Gefühle, Empathie und Liebe.
Jesus selbst hat vor 2000 Jahren angekündigt, dass wir heute diese Geschichte predigen werden. Und es ist gut, dass wir dies tun. Denn es ist eine Geschichte von Menschen wie sie und ich es sind. Menschen mit ihren Grundsätzen und Vorurteilen. Mit ihrem Egoismus und ihrer Selbstsicherheit. Mit ihrer Gesetzlichkeit und ihrer Liebe zueinander. Es ist absehbar: Die Frau kommt einfach so in eine Männergesellschaft.
Eine Frau ohne Namen. Sie tritt durch die Tür und führt das aus, was sie sich vorgenommen hat. Sie salbt Jesus. Nur Könige und Propheten werden gesalbt. Und Leichen von Königen. Was bildet sie sich ein? Außerdem: Sie salbt mit kostbarem Nardenöl. Nach heutiger Rechnung ist es etwa 15000 Euro wert. Fünf Monatsgehälter der Fischer und Arbeiter. Es ist also absehbar, dass jemand meckert. Einfach so gießt sie die Salbe auf den Kopf Jesu.
Vor einigen Wochen habe ich es erzählt bekommen. Beim Gespräch mit einer Frau. Ihr Mann ist vor mehr als 15 Jahren gestorben. 37 Jahre ist er nur alt geworden. Ein Tumor hat der Frau den Mann und den beiden Kindern den Vater genommen. Die Wunde sitzt tief. Die Lücke im Leben ist groß. Die Verletzungen nicht verheilt. Sie hat erzählt. Wie sie weinend bei Pfarrern gesessen ist oder telefoniert hat. Und keiner ihn beerdigen wollte.
Auch heute soll es das ja noch geben. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie schilderte, wie verzweifelt sie von einer zum andern gelaufen ist. Und jeder seine Gründe hatte: Der eine pocht auf Recht und Gesetz. Soll doch ein freier Beerdigungsredner sprechen. Er war ja nie Kirchenmitglied gewesen. Die nächste berief sich darauf, dass sie nicht zuständig ist. Der andere fragt nach dem, was der Verstorbene wollte. Er hat sich aber in der letzten Zeit nicht mehr äußern können. Sie hat erzählt, wie getröstet und froh sie war. Als endlich einer erkannt hat, was für die Familie gerade wichtig war: Dass der Vater und Ehemann beerdigt wird. Dass Gott angerufen wird, sich seiner im Tod anzunehmen. Dass sie Liebe erfährt, im Trost aus derAnsprache des Pfarrers.
Sicher - es ist eine Frage des Standpunktes. Es ist Unsinn sagt der eine. Eine symbolische Handlung bringt doch nichts. Vernünftig wäre es, das Öl zu verkaufen. Wie vielen armen Menschen könnte man helfen! Oder wenigstens billigeres Öl zu nehmen. Typisch. Dass diese Frau Jesus etwas Gutes tun will, das zählt nicht. Er ist doch nur ein einzelner. Und bedürftig sind viele.
Es ist lächerlich, sagt ein anderer der Gäste: Die kommt hier herein und spielt sich auf. Wozu Jesus salben? Sollte lieber dafür sorgen, dass es nicht so kommt, wie Jesus selbst immer sagt. Dafür arbeiten, dass er nicht hingerichtet wird. Sich dafür einsetzen, dass dieses Salböl nicht schon vor dem Tod eine Leiche salbt. Das ist ja einfach: Hier hereinkommen und ihn salben. Aber draußen auf der Straße stehen und sich für ihn stark machen. Das wäre doch angebracht.
Es ist unmöglich. Werden andere sagen. Nur Könige dürfen gesalbt werden. Nach Recht und Gesetz darf die Frau das nicht. Und was ist damit gewonnen? Ob Jesus gesalbt wird oder nicht. Er wird sterben. Er selbst hat es ja oft genug klar gemacht. Eine Salbung ist sinnlos. Das Öl wird mit ins Grab gehen.
Und alle haben sie recht. Der Vernünftige hat recht. Morgen würde er sofort das Geld an die Armen verteilen. Der andere hat auch recht. Morgen schon könnte man eine Demo mit dem Geld organisieren. Einen Aufstand des Volkes bewirken, der Jesus vor dem Tod retten könnte. Und der Mutlose hat recht. Morgen ist eh alles sinnlos. Morgen ist Jesus tot.
II
Jesus sieht das anders. Das Morgen ist ihm gerade nicht wichtig. Er weiß, wie gut es uns Menschen tut, wenn ein anderer erkennt, was wir heute brauchen. Und heute tut es ihm gut, dass diese Frau ihm ihre Zuneigung zeigt. Weil er weiß, dass er morgen sterben wird. Heute tut es ihm gut, dass sie ihm mit Liebe begegnet. Dass sie alle Berechnung und jeden Gedanken an den Wert des Öls beiseiteschiebt. Er genießt es, es tröstet ihn, dass in der Frau ein Mensch auf ihn zugeht. Erkennt, was er braucht: Liebe, die über seinen Tod hinaus anhält. Liebe, die weiß, was er jetzt, hier und heute nötig hat. Liebe, die sich verschwenderisch und ohne Rückfragen dem Bedürftigen zuwendet.
Ich habe es am Anfang gesagt: Selten führt uns ein Bibelabschnitt so schnell und unwiderstehlich vom gestern ins heute. Und das liegt nicht nur an dem letzten Vers. Sondern es liegt daran, dass es um den Umgang von Menschen miteinander geht. Denn wenn wir uns selbst fragen, bekommen wir eine Ahnung davon. Wie gut es dem Menschen tut, wenn ein anderer da ist. Einer der weiß, was man gerade braucht. Jemand, der es versteht, auf die Stimmung einzugehen, in der man gerade ist.
Wie schön wäre es, von der Frau zu lernen: Auf den anderen zuzugehen. In der Trauer zu trösten. In der Traurigkeit in den Arm zu nehmen. In der Not zu helfen. Den Familienvater zu beerdigen. Nicht die Verletzungen anzweifeln, sondern zur Seite stehen. Wie gut tut es uns allen, wenn ein anderer erkennt, was für uns gerade lebensnotwendig ist. Wie gut tut es, wenn an uns ein anderer Mensch einfach aus Zuneigung handelt. Nicht nach Recht und Gesetz, nach Gewinn und Verlust fragt. Sondern aus Liebe zu mir einfach gibt: Das was, ich im Augenblick nötig brauche.
III
Die Frau schafft es, aus den Zwängen, die die Gesellschaft sich selbst aufgebaut hat, auszubrechen. Sie wagt es, in die Männergesellschaft einzubrechen und anders zu handeln als die anderen im Raum es erwarten. Sie bringt einen anderen Maßstab ins Leben hinein. Und macht sich angreifbar. Aber genau das ist es, was die Welt verändern kann. Wenn unsere Maßstäbe sich ändern.
Wenn wir wie Jesus zugeben und leben, dass Liebe viel stärker ist als alle juristischen, wirtschaftlichen, politischen oder auch selbstbezogenen Erwägungen. Die Frau hat die Welt ein wenig verändert. Zumindest die von Jesus und derer, die mit ihm im Raum sind. Und darum: Lasst es uns doch mal mit Liebe probieren, wenn sonst schon nichts hilft. Lasst uns zeigen, dass Zuwendung und das Sich-Hineinfühlen Leben neu machen kann. Natürlich: Bei manchen kommt das gar nicht an. Und sie werden diese Liebe auch nie empfinden und annehmen können. Da werde ich auf taube Ohren stoßen und verhärtete Seelen.
Aber ich selbst tue, was geht. Ich selbst gebe das, was jedem mitfühlenden Menschen gut tut. Und das tut mir gut. Weil es mich selbst tröstet. Und mit anderen verbindet. UndLeben schafft. Es gibt ein bekanntes Gedicht von Erich Fried, das ich ihnen zum Ende dieser Predigt vorlesen möchte. Und ihnen auch am Ausgang ausgelegt habe. Es passt zu diesem Text wie kein anderes. Und es passt ins menschliche Leben. Es heißt: „Was es ist“:
Es ist Unsinn, sagt die Vernunft; es ist, was es ist, sagt die Liebe Es ist Unglück, sagt die Berechnung. Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst. Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht. Es ist, was es ist, sagt die Liebe. Es ist lächerlich, sagt der Stolz, es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht, es ist unmöglich, sagt die Erfahrung, es ist, was es ist, sagt die Liebe.