Seit der letzten Woche gehen Bilder durch die Nachrichten, die zu dem Brief des Jeremia, dem heutigen Predigttext, in starkem Kontrast stehen. Ein wackliges Video zeigt das historische Rathaus in Limoges, einen palastartigen Bau mit zwei Flügeln und einem Turm in der Mitte. Protestierer und Randalierer haben es Sonntagnacht in Brand gesetzt. Eine Menge beobachtete den Brand von weitem, und viele schrien entsetzt auf, als der Turm einstürzte. Entsetzen erfaßte genauso die Fernsehzuschauer. Ich mußte, ehrlich gesagt, erst nachschauen, wo die Stadt Limoges liegt, nämlich im Südwesten von Frankreich.
Schüler haben in den letzten Wochen in ganz Frankreich gegen die schlechte Ausstattung von Klassenzimmern, gegen unbesetzte Lehrerstellen und ausfallende Stunden protestiert. Randalierer haben diese berechtigten Proteste aufgenommen, um gegen die Polizei zu kämpfen, zu provozieren und die Polizei an ihre Grenzen zu bringen. Solche Gewalt aber hat mit freier Meinungsbildung wenig zu tun.
Aus Jeremias Brief an das exilierte Volk in Babylon ist vor allem ein Satz im Gedächtnis der Protestanten hängen geblieben: Suchet der Stadt Bestes. Der stets ein wenig verzagte Protestantismus der klerikalen Bürokraten hat sich angewöhnt, das als anhaltendes Bündnis zwischen Stadt, Demokratie und Kirchen zu deuten. Verglichen mit Jeremia, führt diese Deutung höchstens ins Harmlose.
Kurze Rückblende in die Geschichte des Nahen Ostens vor 2500 Jahren: Israel gehörte zu den kleinen Reichen, die zwischen den Großmächten Ägypten im Süden und Babylon im Nordosten zerrieben wurden. Die Hauptstadt Jerusalem wurde mehrfach zerstört. Die Babylonier besetzten Israel mehrfach, Beamte und Manager wurden in den Norden deportiert. Ländergrenzen waren – wie heute – umstritten. Die nationalistische Partei in Israel kämpfte für ein Bündnis mit Ägypten. Sie sollten die Babylonier aufhalten. In diese politische Gerüchteküche hinein schreibt Jeremia seinen Brief.
Jeremia entzündet mit nüchternen Worten ein ganz anderes Feuer. Richtet euch darauf ein, daß ihr über mehrere Generationen in Babylon bleiben werdet. Werdet dort seßhaft! Betet gerade für die Babylonier, denn ihr werdet von ihrem Wohlstand profitieren. Im Klartext heißt das: Betet für die Feinde, die eure Verwandten und Familien getötet haben. Akzeptiert die Niederlage! Beharrt nicht auf eurer Rechthaberei! Das Beste der Stadt – das bedeutet, sich mit dem politischen und militärischen Gegner zu arrangieren.
Kein Wunder, daß Jeremia von der nationalistischen Pro-Ägypten-Partei in Israel als falscher Prophet und als babylonischer Umfaller verdächtigt wurde. Arrangiert euch mit dem brutalen Gegner! Das ist die politische Radikalität, die Jeremia schriftlich auf die theologische Spitze treibt. Das ist deshalb so bemerkenswert, weil die gegenwärtige politische Situation, unter der wir leiden, so sehr von festgefahrenen Krisen geprägt ist: zwischen Israel und Palästina. Zwischen Iran und USA. Zwischen Rußland und der Ukraine. Zwischen Indien und Pakistan.
Ich weiß, es wäre nun viel zu einfach, biblische Glaubensmuster auf heutige Beispiele anzuwenden. Das will ich mir auch nicht anmaßen. Im Lichte dieses Briefes genügt es festzustellen: Dort wo Jeremia für Israel und Babylon politische Bewegung forderte, sind in der Gegenwart vor allem einbetonierte, fest gefahrene Positionen wahrzunehmen. Jeremia will unbewegliche Positionen überwinden. Sein politisches Denken ist von seinem Glauben bestimmt.
Jeremia denkt in ungewöhnlichen Schritten und langen Zeitperioden und – vor allem – von Gott her. Der Frieden läßt sich nicht herbeiführen mit Drohnenangriffen und wachsweichen Erklärungen der Bereitschaft zum Waffenstillstand, nicht mit Aufrüstung und auch nicht mit hybriden terroristischen Aktionen. Und, der zweite Punkt, möglicherweise werdet ihr, liebe Exilierten in Israel, erst in siebzig Jahren befreit. Viele von uns, mich selbst gerade so eben eingeschlossen, haben noch keine siebzig Jahre gelebt – nur um das Denken in langen Perioden deutlich zu machen. Erst eure Enkelinnen und Enkel werden wieder in Jerusalem leben. Dazu kommt ein dritter Punkt: Die Israeliten im Exil hoffen offensichtlich, daß Gott sie so schnell wie möglich nach Jerusalem, in die Heimat zurückbringen wird. Gott soll prompt erledigen, was sie sich sehnlich wünschen.
Das, was ich bisher über politische Ethik gesagt habe, wird an dieser Stelle privat. Denn es legt sich das Vorurteil nahe, Erfolg und Lebensglück seien einem gnädigen Gott zuzurechnen, während alle Erfahrungen von Krankheit, Tod und Leid beiseitegeschoben werden. Eine Art Betriebsunfälle des Lebens. Gott verwandelt sich so in einen harmlosen Schönwettergott. Sein Segen ist für Lebensereignisse reserviert, in denen er nicht groß stört. Gottes Wille und der Wille der Menschen sollen harmonisch übereinstimmen.
Die Glaubenden spannen Gott vorschnell vor den Karren ihrer eigenen, privaten Interessen. Diese Welt aber besteht nicht nur aus Verliebtsein und Hochzeitsglück, aus Lottogewinn und Beförderungen auf der Karriereleiter. Gott soll seine Zustimmung zum privaten Glück geben. Er soll einspringen, wenn sich die eigenen Wünsche in Sackgassen verheddert haben. Aber diese Welt besteht auch aus brennenden Rathäusern und Demonstrationen, aus Drohnenangriffen und nationalistischen und populistischen Parteien, aus ungerechtfertigten Zöllen und aus Flüchtlingen, die verzweifelt versuchen, Bürgerkriegen und Waffengewalt zu entkommen.
Der Gott der Bibel füllt nicht die Lücken eines sowieso glücklichen Lebens. Das ist in den Ecken und Kanten von Jeremias Zeilen zu lernen. Gott ist mehr und anderes. Gott hat seine guten und segnenden Seiten, aber in ihm stecken auch, vom Menschen her gesehen, eine Reihe von Geheimnissen. Wer das nicht wahrhaben will, verfehlt biblische Einsichten. Wer erwachsen und mit aufrechtem Gang glauben will, der hat verstanden: Ich verhalte mich gegenüber Gott nicht wie ein kleines Kind, das die Erfüllung seiner Wünsche stets von Mutter und Vater erwartet.
Vor dem Hintergrund dieser sehnsüchtigen Erwartungen muss Jeremias Brief wie ein herber Schock gewirkt haben. Aus seinen nüchternen Aussagen entsteht ein neues Gottesbild: Gott ist ein Gott der ganzen Geschichte. Jeremia sagt es so: Er macht sich Gedanken, was mit den Menschen passieren soll. Also: Wenn die Israeliten weiter im babylonischen Exil bleiben müssen, so ist das seine Absicht. Und wenn das noch länger dauert, insgesamt 70 Jahre, so ist das seine Absicht. Das ist ein sehr bitterer Gedanke. Trotzdem ist gerade dieser Brief aus den biblischen Büchern nicht untergegangen.
Die Leser des Briefes merkten immer wieder: Hier redet uns einer nicht nach dem Mund. Er befriedigt nicht unsere heimlichen und unheimlichen Interessen. Dieser Jeremia traut sich das Ungeheuerliche zu, von Gott selbst zu sprechen. Und Jeremia opponiert gegen die Grundkrankheit der Menschen, daß sie Gott vor den Karren ihrer Interessen spannen wollen.
Gott ist der Herr über alle Geschichte. Selbst eine überlegene Großmacht wie das erfolgreiche Babylon ist für ihn ein kleiner Tropfen im großen Wassereimer. Geschichte, auch Lebensgeschichte läuft nicht nach den eigenen Wünschen und Vorstellungen ab, sondern nach Gottes Willen. Zwischen Gottes Plänen und unseren Wünschen tut sich – gelegentlich, nicht immer – ein himmelweiter Unterschied auf. Man kann das, zugegeben, als eine Kränkung verstehen.
Der Mensch ist weniger Herr und Lenker seiner Lebensgeschichte als er glaubt. Man kann das aber auch als eine ungeheure Befreiung verstehen: Der Sinn meines Lebens entscheidet sich überhaupt nicht daran, ob sich meine Wünsche und Pläne erfüllen, sondern daran, dass Gott seinen Segen auf dieses Leben legt. Genau darin entlastet Jeremias Gott.
Müssen wir den biblischen Gott darum wie ein unnahbares Schicksal verstehen? Überhaupt nicht. Denn Gott lässt sich ein auf ein Gespräch mit den Menschen. Er lässt sich ein auf Gebete. Da gibt Jeremia hilfreiche Ratschläge: Folgt nicht euren kurzfristigen Wünschen und Interessen, sondern folgt dem, was zu Gerechtigkeit und Liebe führt. Setzt euch ein für das, was Wohlstand und Gerechtigkeit schafft, für Frieden und Freiheit. Suchet der Stadt Bestes. Betet für eure Feinde. Betet um ihr Wohlergehen. Übersetzt heißt das doch: Geht nicht immer so mit anderen Menschen um, wie es die Konvention erwartet. Antwortet auf eine Verletzung nicht mit einer Gegenverletzung!
Manchmal ist Gott tief und unsichtbar in der Wirklichkeit verborgen. Wir nehmen ihn nicht wahr, und sein Handeln bleibt ein Rätsel, eine Anfechtung. Wir sind in der Hand eines liebenden Gottes, der den Frieden für die Menschen will. Die Spannung zwischen seinen Verheißungen und seinen Geheimnissen müssen wir aushalten. Nicht immer können wir das, was wir erleben, als gerecht oder gut empfinden: Jeder kennt die Beispiele dafür, oft aus der eigenen Lebenswelt: den Unfalltod eines Teenagers, das kleine Baby, das tot geboren wird. Solche Ereignisse sind Grund, Gott in Gebeten bitter zu klagen.
Jeremia deutet das Exil nicht als das Ende der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Selbst die schwere Niederlage liegt für ihn nicht außerhalb von Gottes Geschichte. Das ist ein bitterer Gedanke. Denn er sagt, daß die Menschen nicht wissen, wann sich ihre Hoffnung erfüllen wird. Es bedeutet aber nicht, dass wir jedes Leid als Gottes Absicht erklären können. Dennoch gilt: Gott ist unseren Wünschen und Lebenszielen unheimlich weit voraus. Wir sollen daran nicht verzweifeln. Wir verlassen uns auf den Frieden, den Gott schaffen wird. Er führt dazu, auch in schwierigen Situationen Liebe und Barmherzigkeit nicht zu vergessen.