Sommerzeit ist Eis-Zeit. Wenn man zurzeit in Worms am Marktplatz vorbeigeht, steht da eine große Menschentraube vor der Eisdiele. Was gibt es Schöneres an heißen Tagen, als ein leckeres Eis auf der Hand? Da vergesse ich mal kurz meine Diät: Heute wird gesündigt! „Zwei Kugeln in der Waffel, bitte.“
Eis – die süße Sünde. Die Werbung spielt gerne mit dem Begriff der Sünde. Vor einigen Jahren nannte eine große Marke ihr Eis am Stiel „Magnum 7 Sünden“. Natürlich war das eine Anspielung auf die sogenannten sieben Todsünden, die es nach der katholischen Tradition gibt: Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Neid, Trägheit – und, na klar: die Völlerei. Für jede der sieben Sünden davon gab es ein spezielles Eis. Die Eiswerbung scheint einer der letzten Orte zu sein, wo noch von der Sünde gesprochen wird. Das war früher anders. In der Zeit, als Martin Luther hierher nach Worms kam, waren die Sünden ein ganz wichtiges Thema für die Menschen.
Sünde – das ist das, was uns von Gott trennt. Wo Menschen Fehler machen. Wo sie nicht das tun, was Gott von ihnen will, da begehen sie eine Sünde. Zu Luthers Zeiten glaubten viele, man muss für seine Sünden im Fegefeuer schmoren. Die Menschen hatten Angst davor. Angst vor einem strafenden Gott. So viel Angst, dass sie ihr letztes Geld für Ablassbriefe ausgaben. Sie hofften, durch diese Ablassbriefe ihre Zeit im Fegefeuer verkürzen zu können. Martin Luther predigte ihnen von einem anderen Gott. Er glaubte an einen gnädigen Gott, der den Menschen ihre Sünden vergibt. Allein aus Gnade – sola gratia. Weil Gott die Menschen liebt, weil er gnädig ist, deshalb vergibt er ihnen ihre Sünden. Auf diesen Gedanken waren vor Luther schon andere gekommen. Der heutige Predigttext steht im Alten Testament, im Buch Micha. Micha war ein Prophet, der dem Volk Israel predigte.
(Lesung des Predigttextes, Micha 7,18-20)
Das sind die letzten Verse des Michabuches. Es ist sozusagen sein großes Fazit, seine Kernbotschaft. Der Prophet Micha stellt die Frage: „Wer ist so ein Gott, wie du es bist?“ Was macht diesen Gott aus? Was macht ihn so besonders? Für Micha ist die Antwort: Dass es ein gnädiger Gott ist. Ein Gott, der den Menschen die Sünden vergibt. Das ist für Micha der Kern, und er findet dafür starke Bilder: Gott befreit die Menschen von der Last ihrer Fehler.
Gott nimmt den Sünden ihre Macht. Er zertritt sie auf dem Boden, er wirft alle unsere Sünden in das tiefste Meer. Ich frage mich: Wo erleben wir diesen Gott heute? In einer Welt, in der die Sünde höchstens noch in der Eiswerbung vorkommt? Braucht man da überhaupt noch einen Gott, der Sünden vergibt? Viele würden sagen: Nein. Wenn ich etwas falsch gemacht habe, dann entschuldige ich mich eben. Und wenn es mal richtig daneben ging, dann muss ich eine Strafe bezahlen oder komme im schlimmsten Fall vor Gericht.
Also, in der Verkehrssünderkartei in Flensburg habe ich dann vielleicht ein paar Punkte, aber Sünden vor Gott? Was soll das denn sein? Selbst in der Kirche kommt einem das Wort Sünde heute schwerer über die Lippen. Das liegt bestimmt auch daran, dass in der Vergangenheit mit dem Thema Sünde und Vergebung immer wieder ziemliches Schindluder getrieben worden ist. Stichwort Ablassbriefe.
Trotzdem bekennen wir im Gottesdienst unsere Sünden. Wir bekennen vor Gott, was zwischen ihm und uns steht. Wo wir seinem Willen nicht gerecht wurden. Und dann singen wir gemeinsam: „Kyrie eleison“, „Herr, erbarme dich!“ Auch im Vaterunser beten wir: „Vergib uns unsere Schuld!“ Warum ist das so wichtig? Warum war es für den Propheten Micha, für Martin Luther und für so viele Menschen vor und nach ihnen so zentral? Unser Gott ist ein gnädiger Gott, ein Gott, der die Sünden vergibt. Weil Schuld und Sünden eine Macht haben, eine Macht, die uns Menschen belastet, die uns quält. Sünden lassen sich nicht einfach aufrechnen, auch wenn wir Menschen das versuchen.
Wenn heute Menschen mit dem Flugzeug fliegen, haben viele dabei ein schlechtes Gewissen. Gerade, wenn einem die Umwelt am Herzen liegt. Für dieses schlechte Gewissen gibt es sogar einen Begriff: Flugscham. Manche spenden daher für jeden Flug einen Betrag für die Umwelt. Moderne Ablassbriefe sozusagen. Aber geht dadurch das schlechte Gewissen weg? Man fliegt ja trotzdem. Jeder Flugzeugstart bläst pro Passagier so viel Dreck in die Luft wie fünf Jahre Autofahren.
Gerade bei schweren Verfehlungen merke ich: Sie lassen sich nicht aufrechnen. Das spüre ich jedes Mal, wenn ich von einem Gerichtsurteil höre, wenn jemand wegen einer schweren Straftat zu zehn oder 15 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Was bedeutet das dann? Was heißt es für die Geschädigten, die verletzt wurden und vielleicht sogar Angehörige verloren haben? Was bedeutet es für den Täter? Ist er, wenn er irgendwann wieder aus dem Gefängnis entlassen wird, wirklich frei von dieser Schuld? Wir Menschen kommen hier an Grenzen. Wir können Gerechtigkeit nur bedingt wiederherstellen. Schuld und Vergebung lassen sich nicht mit Jahren oder Geldsummen verrechnen. Deswegen ist es so wichtig, dass es Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Gefängnissen gibt. Schon Jesus hat seinen Jüngern aufgetragen, Gefangene zu besuchen. Genauso wichtig ist es, für die Menschen da zu sein, denen Böses angetan wurde.
Schuld und Verfehlungen haben eine Macht, die uns niederdrückt. Schuld kann uns selbst dann noch belasten, wenn der andere sie uns längst verziehen hat. Der Glaube an einen gnädigen Gott, einen Gott der vergibt, hat die Kraft, von dieser Macht zu befreien. Wo ich diese Kraft der Vergebung immer ganz deutlich spüre, ist bei Beerdigungen. Wenn Menschen sterben, dann ist es oft so, dass Dinge offengeblieben sind. Man ist aneinander schuldig geworden, und konnte sich nicht mehr darüber aussprechen. Deswegen ist es mir so wichtig, bei Beerdigungen zu Gott zu beten, Gott um Vergebung zu bitten, für all das, was unausgesprochen geblieben ist. Für mich ist es tröstlich, dass Gott die Verstorbenen in seine liebenden Arme schließt – genauso, wie sie sind, mit all dem, was sie hier im Leben ausgemacht hat und auch mit dem, was ihnen nicht gelungen ist. Genauso wichtig finde ich dieses Gebet für die Menschen, die trauern. Sie können Gott sagen, was unausgesprochen geblieben ist. Wo sie dem Verstorbenen etwas schuldig geblieben sind und auch das, woran sie selbst zu tragen haben, was sie belastet.
Micha predigt einen Gott, der die Sünden in die Tiefen des Meeres wirft. Er glaubt an einen Gott, der uns Menschen befreit. Der uns frei macht von der Last der Sünden. Dafür können wir Gott dankbar sein.