Vormerkung
Die Predigt ist in Pastoralblätter 11/2026, S. 13 - 17, veröffentlicht. Für den Gottesdienst am 1. November 2026 in der Peterskirche / Universitätskirche in Heidelberg habe ich sie überarbeitet. Ich danke den Studierenden, die im Sommer-Semester 2026 an meiner Lehrveranstaltung "Griechische Lektüre und Exegese des Philipperbriefes" teilgenommen und mir Rückmeldungen zu meinem Predigtmanuskript gaben, die ich - wie auch andere Stimmen von Studierenden - eingearbeitet habe.
Auf seinergeplanten Reise nach Spanien, um auch dort das Evangelium zu verkündigen, wollte Paulus die Christusgläubigen in Rom besuchen. Diesen Besuch hatte sich der Apostel schon oft vorgenommen, aber verschiedene Umstände hatten ihn daran gehindert (Römer 15,22-24). Um die dortigen Hausgemeinden auf die Begegnung mit ihm einzustimmen, schrieb er ihnen einen Brief, den (bekannten) Römerbrief. Die Gemeinden sollten von dem umstrittenen Gast etwas von seinem Glauben und seiner Theologie erfahren, wussten sie doch von ihm als dem einstigen Verfolger der Jesusjünger und der jungen christlichen Gemeinden (Apostelgeschichte 9,1-2), auch wie er billigend der Hinrichtung des Diakons Stephanus zuschaute (Apostelgeschichte 8,1). Nun kommt dieser Paulus in der Absicht, sie mit seiner Predigt des Evangeliums zu stärken und sich selbst für seine Mission in Spanien stärken zu lassen (Römer 1,11-15). Ihm war bewusst, mit welchen Vorbehalten gegenüber seiner Person er in Rom rechnen musste. Dem verständlichen Misstrauen wollte er sich stellen.
I
Im Predigttext hören wir, wie sich Paulus den ihm noch unbekannten Gemeinden in Rom offen und ehrlich mitteilt. Er zeigt sich in diesem Briefabschnitt zwischen dem, was er als gut und dem, was er als böse im Menschlichen erkannt hat, hin- und hergerissen. Diese Zerrissenheit beschäftigt sein Denken und wirkt bis in sein seelisches und körperliches Empfinden hinein. Was ist gut, was ist böse? Wer oder was entscheidet darüber, und gibt es dafür allgemein verbindliche Richtlinien?
Paulus weiß mit seinem scharfen Verstand ganz genau, was gut ist. Der Apostel kennt seine Bibel, er kennt die Zehn Gebote, und überhaupt achtet er als Jude die Tora als gutes Gesetz Gottes für eine geistliche/spirituelle Ausrichtung menschlichen Lebens (Römer 7,14). „Es ist Dir gesagt, Mensch, was gut ist…“, liest er im Buch des Propheten Micha (Micha 6,8). Singen wir seine Worte einander zu!
(Hier kann die Gemeinde in den gleichnamigen Kanon, NL 35, einstimmen oder ein Chor singt das Lied)
Paulus war seit seiner Begegnung mit dem auferstandenen Jesus vor Damaskus mit Jesu Geschichte und Lehre vertraut (Galater 1,11-12; Apostelgeschichte 9; 22; 26). Jesus stellte das Doppelgebot der Liebe zu Gott und dem Nächsten als höchstes Gebot über alles. Von Christuswusste sich Paulus berufen, ihm wollte er nachleben, in seinem Namen das Evangelium als gute, alles Böse überwindende Botschaft und alle Menschen verbindende Kraft verbreiten. Jedoch die Erfahrung lehrte ihn: Kein Tag, ohne dass Böses geschieht. Gott sei Dank aber auch kein Tag, ohne dass Gutes geschieht. Licht und Schatten. In dem Briefabschnitt benennt Paulus klar seinen eigenen Anteil: Das Böse existiert auch in ihm und trotz seines Glaubens weiter, heftig sogar, es gewinnt nicht selten die Oberhand und nimmt ihn gefangen. Oder schaut er auf den Menschen im vor- und nichtchristlichen Leben zurück?
Sich gegenüber den Gemeinden in Rom als „Glaubensheld“ zu präsentieren oder sein inneres Zerissensein zu beschönigen, liegt Paulus fern, wenn er schreibt: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ (Römer 7,19). Treffen diese Worte uns nicht alle irgendwie ins Herz? Ehe wir Luft geholt haben, entgleiten uns im Streit verletzende Worte, die wir nie sagen sollten oder oft gar nicht wollten. Feige haben wir wissentlich geschwiegen oder mitgemacht, wenn jemand verleumdet wurde, wir mit einer Lüge konfrontiert wurden oder Wahrheit verdreht wurde, wenn wir gierig und rücksichtslos unseren eigenen Vorteil suchten.
II
Paulus ist in seinem Brief an die Gemeinden ganz aufrichtig, er will sich ehrlich mitteilen, indem er seine dunkle Seite vor ihnen offenlegt und ausspricht, was ihn umtreibt. Sie an seinen Gedanken, an dem, was ihn nicht zur Ruhe kommen lässt, teilhaben zu lassen, ist ihm wichtig. Es ist sein Christusglaube, der ihn in die schonungslose Auseinandersetzung mit sich selbst treibt und sein Menschen- und Gottesbild überdenken lässt. Viel verhandelt ist heute das umstrittene Thema „Anthropologie“, die Lehre vom Menschsein des Menschen: Welches Menschenbild bestimmt uns in unserem Umgang miteinander und in unserem Streben nach Sinn und Ziel unseres Lebens?
Paulus sieht die dunkle Seite im Menschsein als eigenen Lebensanteil; sie versklavt ihn, schreibt er: „Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstandund hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen/erretten…“ (Römer 7,23-24). Die Sünde erlebt Paulus wie eine Sklavenhalterin, die ihn gekauft hat – „ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“, schreibt er (Römer 7,14). Haben wir heute das Böse, das Fern-sein von Gott und seiner Lehre, auch so stark wie Paulus verinnerlicht, dass es uns in den Knochen steckt und es uns bis ins Körperliche empfinden lässt? Sehen wir überhaupt noch eine Möglichkeit, trotz besten Willens nach Gottes Geboten zu handeln? Wenn ich Paulus recht verstehe, ringt er ständig damit. Schon in seinem früheren Brief an seine Gemeinde in Philippi, dem heutigenKavala, schreibt er (Philipper 3,12): „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin“.
III
Ein Argument von Paulus gebe ich noch zu bedenken: Mein Wille, das Gute, das Heilbringende zu tun, ist da, aber ich werde dem Anspruch von „Gottes Gesetz“, seinem Willen, nicht gerecht; „vor dir ist kein Lebendiger gerecht“, heißt es im Wochenpsalm (Psalm 143,2). Das Gute, das ich beabsichtige, gelingt mir nicht, stattdessen bestimmt mich, was nicht gut ist, dem anderen Menschen und mir selbst nicht gut tut. Ist es einfacher und macht es weniger Mühe, Ungutes, das Menschen- und Schöpfungsfeindliche zu tun als das Gute, Wohltuende und Heilsame?
Es gibt wohl keine Regel, aber es ist in zwischenmenschlichen Beziehungen vordergründig schon einfacher, auf sein Recht zu pochen oder lautstark seine Position zu verteidigen. Sich aggressiv zu verhalten oder sein Gegenüber durch Niederschreien mundtot zu machen, erspart Argumente und Zuhören. Ebenso ist es einfacher, wegzuschauen, denn Hinschauen könnte mich auffordern, für etwas einzustehen, Stellung zu nehmen, einem Menschen, der Hilfe braucht, beizustehen, denn dies würde Arbeit, Zeit und Engagement verlangen. Gehen wir nicht lieber vielen Problemen aus dem Weg, obwohl wir zu ihrer Lösung beitragen könnten? Macht also das Gute zu viel Mühe? Diese Frage muss sich jede und jeder selbst beantworten. Hängt mein Herz an einer Sache, wird mir dann trotz meines Hin- und Hergerissenseins zwischen Wollen und Vollbringen irgendetwas zu viel?
Paulus bestärkt mich, in Glauben und Leben täglich nach Gutem zu streben, mit seinem Hinweis auf den „inwendigen“ Menschen: „Denn ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen“, bekennt er (Römer 7,22). Paulus weiß sich im Innersten seines Wesens angesprochen auf das, was er eigentlich will und wonach er ringt. Er hat Gottes Gebote als heilsame Weg-Weisung, als „geistlich“/geistvoll erkannt (Römer 7,14). Gottes Tora öffnete ihm die Augen für seinen inneren Zwiespalt. Aber dieser bestimmt ihn nicht mehr, seit sich Jesus ihm offenbart hat. Gott hat ihn durch Jesus Christus von dem „todverfallenen Leib“ „erlöst“/gerettet/befreit (Römer 7,24), seine Leiblichkeit wird ihm sogar, wie er an anderer Stelle schreibt, zum „Tempel des Heiligen Geistes, der in euch ist und den ihr von Gott habt“ (1. Korinther 6,19).
Darum gab Paulus es nicht auf (ich zitiere noch einmal aus seinem Brief an die Gemeinde in Philippi, Philipper 3,14), „dem vorgesteckten Ziel nachzujagen, der himmlischen Berufung in Christus Jesus“. Dabei leugnet Paulus nicht das menschliche Zerrissen-sein zwischen Wollen und Vollbringen, dem „Gesetz der Sünde“ und dem „Gesetz Gottes“ (Römer 7,22-23), es kennzeichnet unsere menschliche Grundbefindlichkeit; sie wird uns immer wieder ins Straucheln bringen und tun lassen, was wir eigentlich nicht wollen. Aber die Einsicht in diese Bedingung unseres Menschseins (die „conditio humana“) kann uns vor zerstörender Selbstkritik und Überheblichkeit anderen Menschen gegenüber bewahren.
Nicht mehr unsere Selbstverurteilung angesichts unserer „elenden“ Situation (Römer 7,24) hält uns gefangen, sondern die befreiende Macht Jesu Christi vom „Gesetz der Sünde“ umfängt uns im Glauben an ihn (Römer 8,2). Darum lasst uns dranbleiben, uns jeden Tag von neuem mit Herz und Verstand auf das Gute zu besinnen (Römer 12,1-3) und danach zu handeln. „Dass dir all mein Tun und Leben gefalle“, beten wir mit Martin Luthers Morgensegen (EG 808.1). Denn, so Paulus im schon genannten Philipperbrief (Philipper 2,11): „Gott es ist, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen“. „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn“ (Römer 7,25).