„Hier ist die Stadt der Freuden…“
Jerusalem – die heilige Stadt von drei Religionen
| Predigttext | Jesaja 66,10-14 |
|---|---|
| Kirche / Ort: | 91578 Leutershausen |
| Datum: | 15.03.2026 |
| Kirchenjahr: | Laetare (4. Sonntag der Passionszeit) |
| Autor: | Pfarrer Dr. Rainer Oechslen |
Predigttext: Jesaja 66,10-14 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)
Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.
Der Name dieses Sonntages „Laetare – Freue dich“ kommt von dem lateinischen Eingangspsalm des Tages. Der stammt aus dem 66. Kapitel des Buches Jesaja. In diesem Jahr ist der folgende Abschnitt Predigttext:
(Lesung des Predigttextes, Jesaja 66,10-14)
I
„Hier ist die Stadt der Freuden, Jerusalem, der Ort, wo die Erlösten weiden,hier ist die sichre Pfort, hier sind die goldnen Gassen, hier ist das Hochzeitsmahl, hier soll sich niederlassen die Braut im Freudensaal.“ So singt nicht die jüdische Gemeinde. Das Lied steht in unserem Gesangbuch. (EG 151,7).
Einer meiner Lehrer in der Theologie – der wichtigste vielleicht – hat es gekonnt: sich freuen mit Jerusalem. Immer wieder hat Friedrich-Wilhelm Marquardt erzählt von der Heiterkeit beim Anblick Jerusalems. Der Blick auf den Tempelberg, die goldene Kuppel des Felsendoms, die Al-Aqsa-Moschee, die Westmauer des Tempels, die Kirchtürme, der Ölberg – sein Herz wurde weit bei diesem Anblick.
1959, er war Studentenpfarrer an der Freien Universität, ist Marquardt zum ersten Mal nach Jerusalem gereist, mit ihm Studenten und Studentinnen aus Westberlin. Noch gab es keine diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel, noch flog kein Flugzeug aus Deutschland nach Tel Aviv. Die Studentengruppe fuhr nach Damaskus, reiste mit dem Bus von Syrien weiter nach Jordanien und von Amman nach Westen über den Jordan nach Jerusalem. Auch die Altstadt von Jerusalem mit dem Tempelberg gehörte seit 1948 zum Königreich Jordanien. Durch das Mandelbaumtor kam die Gruppe dann nach Israel – es war für lange Zeit der einzige Grenzübergang. Von da an und bis zu seinem Tod im Mai 2002 spielten die Liebe zu Israel und die Freude an Jerusalem die Hauptrolle im Denken Marquardts. Seine ganze Glaubenslehre ist darauf gebaut. „Hier ist die Stadt der Freuden“, hat er gewiss gerne gesungen.
Ich erlebte meine Reise nach Jerusalem anders als Marquardt. Als ich dort war – Pfingstsonntag 2015 – stand längst ganz Jerusalem, auch mit seiner alteingesessenen arabischen Bevölkerung, unter der Verwaltung Israels. Seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 ist das so. Aus der Sicht des Staates Israel ist Jerusalem die eigentliche Hauptstadt des Landes und muss für immer israelisches Staatsgebiet bleiben.
Die Schönheit der Stadt habe ich auch empfunden. Aber nach dem Gottesdienst in der Erlöserkirche in der Altstadt ging ich zum Ölberg. Dort steht das kleine Kirchlein „Dominus Flevit – Der Herr weinte“. Es wurde 1955 erbaut in Erinnerung an eine Szene aus dem Lukasevangelium: „Und als er – der Herr – nahe hinzukam und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest an diesem Tag, was zum Frieden dient“. (Lukas 19,41-42) Ich kann die Worte Jesu als Christ aus Deutschland nicht einfach nachsprechen. Ich kann nicht so weinen wie er. Den Schmerz um Jerusalem kann in seiner Tiefe nur ein Kind des Volkes Israel empfinden. Für Jesus ist Jerusalem wie eine Mutter. Er trauert um die Stadt wie Männer und Frauen um ihre Mütter trauern.
Aber ich ahne immerhin etwas von den Tränen, die in Jerusalem vergossen wurden seit Jahrhunderten und eben auch wieder seit 1967 – und von dem Tränengas, das seither versprüht wurde. Da gab es Selbstmordattentate während der Intifada – dem Aufstand der Palästinenser in den besetzten Gebieten. Jüdische Familien weinten um ihre Angehörigen. Es flossen Tränen von arabischen Familien in Jerusalem, wenn israelische Bulldozer kamen und ihre Häuser zerstörten. Das Reizgas zerriss schier die Augen von Hunderten von Menschen, wenn wieder einmal ein Protest gewaltsam niedergeschlagen wurde. Und es flossen wohl auch christliche Tränen nicht nur am Karfreitag auf der Via Dolorosa, wenn Christen dem Kreuzweg ihres Herrn folgten. Sie flossen auch, wenn Christinnen und Christen von jüdischen Fanatikern angespuckt wurden.
II
Jerusalem ist die heilige Stadt von drei Religionen. Hier hat Abraham nach jüdischer Überlieferung seinen Sohn Isaak gebunden. Hier hätte er ihn geopfert, wenn Gott nicht seinen Engel gesandt hätte. Hier hat Salomo den Tempel gebaut, hier wurde das Heiligtum wieder aufgebaut nach der Zerstörung. Hier haben Juden an der Klagemauer gebetet, als der Tempel ein zweites Mal zerstört war. Hier haben Maria und Josef ihren erstgeborenen Sohn im Tempel dargebracht und mit dem vorgeschriebenen Opfer ausgelöst. Hier hat Jesus gelehrt, hier stand er vor Gericht, hier wurde er gekreuzigt, hier ist der Auferstandene seinen Freunden und Freundinnen begegnet. Von hier aus hat Muhammad seine Reise zum Himmel angetreten, nachdem er vom „nächsten Heiligtum“, der Kaaba in Mekka, zum „fernsten Heiligtum“ – der „Masdschid al Aksa“ gekommen war. Muhammads Gemeinde hat sich beim Gebet Richtung Jerusalem gewandt bis Muhammad erkannte, dass seine Lehre von Juden und Christen nicht anerkannt wurde.
Was sich in unserer Zeit in Jerusalem abspielt, ist ein politischer Konflikt um die Frage, wer in dieser Stadt Bürgerrecht hat. Doch der politische Konflikt wird sich nur lösen lassen, wenn Juden, Christen und Muslime in dieser Stadt und rund um sie her miteinander auskommen. Zurzeit kann davon keine Rede sein.
In Deutschland und speziell in der evangelischen Kirche herrscht ein zäher, manchmal fanatischer Konflikt um Jerusalem und Israel. Die einen werfen den anderen vor: „Wie kann es sein, dass der grausame Angriff der Hamas auf jüdische Menschen am 7. Oktober 2023 euch so kalt lässt? Habt ihr denn kein Mitgefühl mit den Juden? Habt ihr vielleicht den alten christlichen Judenhass immer noch in euch?“ Die anderen sagen: „Empört ihr euch nicht über die Grausamkeit Israels gegen die Bevölkerung von Gaza? Nach unserer Überzeugung geschieht dort ein Völkermord und ihr schweigt dazu“. Das ganze Elend der evangelischen Kirche in Deutschland wird offenbar, wenn diese beiden Auffassungen unvermittelt nebeneinanderstehen, wobei die Kirchenleitungen eher zur ersten Haltung tendieren und viele Gemeinden eher zur zweiten.
III
Wir stehen mit unserer Hoffnung auf Versöhnung der Religionen immer wieder am ersten Anfang. Und doch können wir von dieser Hoffnung nicht lassen. Jerusalem kann die „Stadt der Freuden“ nur sein, wenn sie Raum hat für Gläubige aus allen Religionen – und für Menschen, die sich zu keinem Glauben bekennen.
In der Mitte des Abschnittes über Jerusalem in Jesaja 66 steht der fettgedruckte Satz: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“.Vermutlich werden heute viele Predigten gehalten, in denen es um die mütterliche Seite Gottes geht und um den Trost, den der „Gott allen Trostes“ (2. Korinther 1,3) seiner Gemeinde verheißt. Das Wort „saugen“ spielt dabei eine große Rolle. Auch erwachsene Männer dürfen Trost saugen aus der mütterlichen Brust Gottes.
Auch ich glaube, dass die Kirche in diesen trostlosen Zeiten verzweifelt auf Trost wartet. Aber ich meine auch, dass wir es uns viel zu leicht machten, wenn wir über unserem Hunger, unserem Saugen nach Trost die heutige Lage Jerusalems vergäßen. Unser Glaube wäre dann ein Glaube mit geschlossenen Augen.
In einem neuen Kommentar zum Jesajabuch heißt es zu unserer Stelle: „Das Jesajabuch hätte auf einer hoffnungsvoll optimistischen Note enden können … Aber ein solch hoffnungsfroher Ausblick war offenbar nicht der geistige Ort der letzten Jesajaner, die das Buch (nach einer langen Entstehungsgeschichte) zu Ende brachten. Zu groß scheint die Enttäuschung darüber gewesen zu sein, dass ihre Botschaft weithin unbeachtet blieb und sich die neue Schöpfung nicht zeigen wollte. Irgendwann würde es so kommen, das stand fest, aber bis dahin würde man ausharren und damit leben müssen, dass man eine religiöse Minderheit mit Überzeugungen war, die bei der Mehrheit auf Unverständnis, wenn nicht Schlimmeres stieß“. (Andreas Schüle, Alttestamentler in Leipzig)
Ich denke, was hier über die Leute gesagt wird, die das Jesajabuch zuletzt überarbeitet und zusammengefügt haben, gilt ebenso für die Situation der christlichen Gemeinde heute: Wir werden ausharren und damit leben müssen, dass wir eine religiöse Minderheit sind mit Überzeugungen, die bei der Mehrheit auf Unverständnis stoßen. Unser Beharren auf Versöhnung wird nicht verstanden, ja man wird uns sagen, wir sollten stille sein, weil wir von der Lage Jerusalems nichts verstünden.
Auf die Stadt der goldnen Gassen, das Hochzeitsmahl und die Braut warten wir und wissen zugleich, dass wir diese Bilder in der Öffentlichkeit besser nicht gebrauchen, weil sie auch in der Kirche lange nicht mehr von allen verstanden werden. Unsere Hoffnung sagt: Sie werden noch nicht verstanden. Wir werden getröstet werden – auch wir Nichtjuden, die an der Lage in Israel und Jerusalem leiden. Das steht fest. Heute aber ist unser Trost, dass wir als religiöse Minderheit das Buch Jesaja und die Verheißung der Versöhnung festhalten auch unter widrigen Umständen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.
Zwei Hinweise:
Das Zitat von Andreas Schüle findet sich in: Andreas Schüle, Das Jesajabuch heute lesen, Zürich 2023, 192.
Als Lieder empfehle ich „Jerusalem, du hochgebaute Stadt, wollt Gott, ich wär in dir“ und „Ermuntert euch, ihr Frommen“, Strophen 1 und 7-8. Beide Lieder werden in den meisten Gemeinden fremdartig wirken, aber wie ich versucht habe zu zeigen, entspricht das der Fremdartigkeit unserer Botschaft.