Predigt

Hoffungslos?

„Aber um deines Namens willen…“

PredigttextJeremia 14,1-9 (mit Einführung)
Kirche / Ort:Aachen
Datum:18.01.2026
Kirchenjahr:2. Sonntag nach Epiphanias
Autor:Pfarrer Manfred Wussow

Predigttext: Jeremia 14, 1(2)3–4(5–6)7–9 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)

1 Dies ist das Wort, das der Herr zu Jeremia sagte über die große Dürre: 2 Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. 3 Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. 4 Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. 5 Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. 6 Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst. 7 Ach, Herr, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. 8 Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? 9 Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, Herr, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

Exegetisch-homiletische Vorüberlegungen

Die Perikope ist, so wie sie vorgeschlagen wird, „verschnitten“. Ist es wirklich klug, die VV 2,5 und 6 wegzulassen? Was wird damit gewonnen? Was geht verloren? Verloren geht die Konkretion, verloren geht die Sprachgewalt, verloren geht auch die „Zeit“ des Jeremia (unabhängig davon, wie wir das Jeremiabuch literarkritisch, redaktions- und traditionsgeschichtlich) einschätzen. Exegetische und Praktisch-Theologische Beiträge finden sich von Hannes Bezzel und Antje Roggenkamp in: https://www.die-bibel.de/ressourcen/efp/reihe2/2-nach-epiphanias-jeremia-14

H. Bezzel zur Perikopenauswahl:

„Die Perikopenauswahl klammert die Verse 2 sowie 5 und 6 ein. Damit geht dem Abschnitt zum einen der ‚Genderaspekt‘ verloren: Mit Vers 2 verschwinden die personifizierte Frau Juda und mit ihr der Zusammenhang mit Kapitel 13 und 15, und damit auch ein gut Teil der für den Abschnitt so wichtigen wie charakteristischen metaphorischen Ambivalenz und Mehrdeutigkeit. Lässt man zum anderen auch V. 5–6 außen vor, verliert man mit Hindin und Wildesel den Blick auf die drastisch geschilderten Auswirkungen der Dürre auf die „Natur“, also die außermenschliche Schöpfung. Das ist eine gewisse Anthropozentrierung, durch die man einer wichtigen Aussage verlustig geht: Menschliche Sünde hat im Horizont der gesamten Notschilderung von V. 2–6 eben nicht nur Folgen für ihre Urheber:innen.“ Ich entscheide mich in der Predigt dafür, den Text nicht zu kürzen. Er ist überdies in seinen Formulierungen hohe und schöne „Dichtkunst“. In der Predigtvorbereitung darf nicht fehlen, Jer. 14,10ff wahrzunehmen – ein Wogen von Reden hin und her. Nur im Ganzen gewinnt unsere Predigt den „Schneid“. Das Ganze läuft auf Jer. 14,19-22 hinaus – und bleibt doch offen.

H. Bezzel zur Komposition:

„Das Buch Jeremia kreist um die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier im Jahr 587/86 v. Chr., um die Fragen, ob die Katastrophe hätte vermieden werden können, warum das nicht geschah und wie sie theologisch zu verstehen sei, im Verhältnis Gottes zu Jerusalem, zum davidischen Königshaus, zu den kultischen Institutionen, zum Volk von Juda als Gesamtheit wie als Einzelnen, zu anderen Völkern – und zu seinem Propheten. Die dominante gerichtstheologische Position, nach welcher Eroberung und Zerstörung als göttliche Strafe zu verstehen seien, bestimmt schließlich auch die heilvollen Ausblicke.“

Über die historischen Fragen hinaus, die sich im Jeremiabuch erschließen lassen (von den Überlieferungen bis zur Textgestalt und ihren „Fortschreibungen“), stellen sich heute Fragen nach Klimawandel und dem Leiden der ganzen Schöpfung (mit Seitenblick auf Röm. 8). Es geht also nicht nur um Anklage und Klage, die zwischen Frau Juda und Frau Jerusalem geführt werden - in einem damaligen Schuld- und Verantwortungskomplex - , es geht um die „Austrocknung“der Welt durch die Sünde von Menschen, es geht um die „Austrocknung“ des Menschen in seiner Welt, es geht auch um die „Austrocknung“ Gottes in der Sünde. Insofern sind die in den VV. 5f. vorgestellten Tiere Zeugen einer „ausgetrockneten“ (und hoffnungslosen) Welt.

H. Bezzel:

„Das Spiel der Perikope mit Mehrdeutigkeiten im Zusammenhang mit der Wasser- und Dürremetaphorik lädt dazu ein, sich als Prediger:in daran zu beteiligen. Zwei Chancen, die zugleich Risiken sind, ergeben sich für mich daraus: Der Text klagt nicht – nur – über ein Wetterereignis. Er schildert zugleich den Zustand der Gottverlassenheit in Bildern von Dürre und Wassermangel. Damit wird er für mich als gegenwärtige:n Hörende:n und Lesende:n schnell anschlussfähig. Die Gefahr besteht jedoch, schnell nur in Bildern zu denken und den Text allegorisch zu spiritualisieren. Es ist aber nicht nur die fromme Seele, die „wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser“ (Ps 42,2), sondern es ist das Land, die Erde, samt Gras, Kraut und Getier, die nach Regen lechzen. Der Zusammenhang von Schuld, Sünde und Dürre macht es mir dagegen fast unmöglich, nicht an die Klimakatastrophe zu denken. Eine „Klimapredigt“ legt sich nahe.“ Ob sich wirklich eine „reine“ Klimapredigt nahelegt?

In unserem Predigttext spielt – auch im Umkehrschluss - die Wassermetaphorik eine entscheidende Rolle. Der Verweis auf das Evangelium in Joh.2 – Hochzeit zu Kana – ist dann nicht nur der Perikopenordnung geschuldet. Dieses Evangelium muss im Gottesdienst vorgetragen werden – besser: „vorangetragen“. Hier begegnen wir nicht nur dem Hochzeitsmotiv, sondern der eschatologischen Fülle. Es ist zwar zunächst kein Wein mehr da – aber Wasser in riesigen Gefässen.

In Jer. 14,7-9 wird JHWH angesprochen.Unsere (!) Sünden verklagen uns! Unser (!) Ungehorsam ist groß! Das ist die – eigentliche – Dürre, das existentielle, religiöse und gesellschaftliche Vertrocknetsein. Am Ende gründet die Bitte in einem tiefen (und bewährten) Vertrauen: „Verlass uns nicht!“

Neuigkeiten

Weihnachtsgruß 2025

Gott spricht: Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln...

Manfred Wussow, Rezension zum Buch von Heinz Janssen "Aus den Quellen schöpfen"

im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt, Heft 12 / Dezember 2025: https://www.pfarrerverband.de/rezension-detailansicht/aus-den-quellen-schoepfen

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Heinz Janssen
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