Ich möchte Ihnen die Fabel von den „Stachelschweinen“ erzählen: Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nahe zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, sodass sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.
Der Autor dieser Fabel, der Philosoph Arthur Schopenhauer, ein großer Pessimist und scharfer Kritiker von Kultur und Gesellschaft, hat diese folgendermaßen erklärt: Wie die Stachelschweine, so treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Inneren entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Auch in unserem Predigttext aus der Apostelgeschichte geht es um das Zusammensein in der Gemeinschaft und wie wir damit umgehen können.
(Lesung des Predigttextes)
Wow, das muss eine tolle Gemeinde gewesen sein, damals in Jerusalem vor etwa 1950 Jahren! Und unwillkürlich denken wir daran, wie es bei uns heute zugeht in den Gemeinden. Lässt sich das überhaupt vergleichen? “Da sieht man´s wohin wir gekommen sind.“, denkt nun vielleicht einer von Ihnen, „Unsere Gemeinden haben sich von dem, was wahre christliche Gemeinde ist, entfernt. Die meisten Gemeindeglieder sind nur noch dem Namen nach Christen. Daher werden die Kirchen auch immer leerer. Wie die Stacheschweine kommen die Menschen nur dann, wenn sie etwas wollen. Aber sie bleiben auf Abstand; sind unverbindlich freundlich. Wenn das so weiter geht, hat das Christentum bald ausgedient. Wir müssen umkehren und nach dem Vorbild der ersten Gemeinde neu anfangen.“
Ein anderer von Ihnen denkt aber vielleicht auch „ Das damalige Gemeindeleben lässt sich nicht ohne weiteres wieder aufwärmen. Denn die Verhältnisse waren ganz anders. Unsere Gemeinden sind viel größer. Eine so enge Gemeinschaft, wie sie in der ersten Gemeinde geherrscht hat, ist nur in einer kleinen Gruppe denkbar. Wenn aber die Gemeinden Tausende von Mitgliedern haben, ist der Zusammenhalt natürlich viel lockerer, da gibt ja auch viel mehr Interessen, die man unter einen Hut bringen müsste.
Ein Skeptiker unter Ihnen ist aber möglicherweise der Meinung: „Wer sagt uns denn, dass dieser Bericht über die erste Gemeinde überhaupt wirklich stimmt? Das ist doch wahrscheinlich alles erst später und geschönt aufgeschrieben worden. Denn es liest sich doch viel zu schön, um wahr zu sein. Wahrscheinlich hat da die Phantasie ein wenig mit geholfen, dieses Idealbild von der Gemeinde zu entwerfen. Denn wo Menschen zusammenkommen, da herrscht nicht immer nur Eintracht. Das ist wie bei den Stachelschweinen; da gibt es doch an jedem einzelnen einfach zu viel, das stört. Das war damals sicher nicht anders als heute.“
Und wieder ein anderer sieht es eher so: „Es mag ja sein, dass in der Beschreibung der Jerusalemer Gemeinde ein Ideal gezeichnet wird, das man gar nicht erreichen kann. Und in der volkskirchlichen Situation heute ist eine so große Einigkeit auch gar nicht vorstellbar. Mir kommt diese Einigkeit auch ein bisschen unheimlich vor. Aber trotzdem können wir doch daraus viel lernen. Zum Beispiel, dass in der Urgemeinde die Liebe zum Menschen größer war als die Liebe zum eigenen Besitz. Sie achteten darauf, „was einer nötig hatte“. Wenn wir heute diesen Grundsatz besser befolgen würden, sähe es in unserer Kirche und in der Gesellschaft viel besser aus.“
Und vielleicht denkt jemand von Ihnen: „Da sind heute diese unermesslichen Reichtümer, die einzelne Menschen anhäufen und daneben fehlt es vielen am Nötigsten. Das ist bei uns so und erst recht, wenn wir uns weltweit umschauen: Tausende von Menschen verhungern täglich. Und alle könnten satt werden, wenn die Chancen und die Lebensmittel gerechter verteilt wären.“
Wenn wir jetzt statt einer Predigt in ein Gespräch einsteigen würden, könnte ich mir gut vorstellen, dass da wir ganz schön kontrovers diskutieren würde. Dieser Text ist aber nicht eine Schablone für unsere heutige Gemeindesituation, er kann aber sehr wohl eine Orientierungshilfe für uns heute sein. Haus und Tisch und Besitz haben die Christen damals in Jerusalem miteinander geteilt. Keiner sonderte sich ab und keiner wurde ausgegrenzt. So soll es auch unter uns sein, wenn wir – so wie heute auch – miteinander im Abendmahlskreis stehen. Sie lebten damals Miteinander-Teilen mit dem Ziel, dass niemandem etwas fehlte. Dahinter steht ein zentraler Grundsatz aus dem Alten Testament: „Es soll kein Armer unter euch sein!“ Die urchristliche Gemeinde reagierte mit Teilen auf diesen Grundsatz. Und wie gehen wir heute damit um?
In den letzten Wochen wurde oft über den Mindestlohn diskutiert. Wenn man nun bedenkt, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland trotz guter Konjunktur laut Experten in den vergangenen Jahren gewachsen ist. “Auch in einer Phase mit Rekordbeschäftigung haben wir keine zurückgehenden Armutsquoten”, sagte die Sozialexpertin Dorothee Spannagel dieses Jahr im Februar. Nach Daten des Statistischen Bundesamts verfügen die obersten zehn Prozent der Haushalte über 51,9 Prozent des Nettovermögens. Es mehren sich die Hinweise, dass dem Anwachsen von privater und öffentlicher Armut eine zunehmende Konzentration des Reichtums in unserem Land gegenüber steht. Eine biblische Ökonomie des Teilens, des Teilens von Chancen, von Arbeit und von Einkommen, könnte unsere Gesellschaft menschlicher machen.
Die Sorge um das geistliche Heil und die Sorge um das leibliche Wohl gehörten in der ersten Christengemeinde untrennbar zusammen. Die Liebe zum Menschen war größer als die Liebe zum eigenen Besitz. Die Christen lebten das Miteinander-Teilen. Sie sahen den Hungrigen, den Obdachlosen, den Kranken und so blieben sie beständig in der Lehre der Apostel. Und so konnten sie ihre Mahlzeiten halten mit Freude und lauterem Herzen. Sie hatten erkannt, was notwendig war – also, was die Not wirklich wenden konnte – nämlich ihren Besitz verkaufen und von dem Erlös den Hungernden zu essen geben. Das fällt sicher keinem leicht, wenn man nicht gerade ein Heiliger ist. Doch wenn nun eine Gemeinde von Christen erkennt, was in einer bestimmten Situation notwendig ist – und wenn sie den Mut findet, im Vertrauen auf Gott das Nötige auch zu tun, da fällt den Leuten auch etwas auf. Da werden auch Außenstehende aufmerksam.
Der Glaube, der nicht auf Selbstdarstellung und Anerkennung erpicht ist, sondern der einfach authentisch gelebt wird, kann Früchte der Dankbarkeit bringen, die hervorleuchten – gerade wenn das nicht beabsichtigt war. Kein Wunder, dass in vielen der Wunsch erwachte, auch zu den Leuten des Jesus aus Nazareth zu gehören und Mitglied dieser Gemeinde zu sein! Wo das, was Not wendet, in Treue – aber auch mit liebevoller Phantasie getan wird, da können wir hoffen, dass auch unter uns Zeichen und Wunder geschehen.
Vielleicht warten Sie nun darauf, dass ich Ihnen etwas sage, was bei uns die Not ist, die gewendet werden muss. Ich weiß wohl, dass Beispiele eine Predigt lebendig machen. Aber in Bezug auf dieses Thema muss ich Sie enttäuschen. Was für uns jetzt dran ist, das kann ich allein gar nicht beurteilen. Darüber muss man als Gemeinschaft auch gemeinsam reden. Wenn wir herausfinden wollen, was jetzt Not tut, darf nicht nur einer überlegen, denn beim einsamen Nachdenken bekommt einer nie alle Facetten der Situation in den Blick. Entscheidend ist, dass wir uns als Gemeinschaft verstehen, miteinander und für einander. Und dazu passt nun wieder eine andere Geschichte, mit der ich schließen möchte:
Ein Rabbiner wurde einmal gefragt, was denn der Unterschied zwischen Hölle und Himmel ist. Er überlegte, dann sagte er: „In der Hölle, da sitzen die Leute an reich gedeckten Tischen und haben die köstlichsten Speisen vor sich. Es ist sehr schön in der Hölle. Nur eins passt nicht: Die Leute haben an den Armen meterlange Löffel, länger als die Arme selber, und was immer sie auch damit anstellen – sie können niemals ihren Mund erreichen. Die Hölle ist, dass man vor gefüllten Tellern elendiglich verhungern muss.“ – “Und der Himmel?“, fragten die Zuhörer. „Das ist eigentlich ganz ähnlich“, sagte der Rabbi. „Dieselben köstlich gedeckten Tische, dieselben meterlangen Löffel.“ „Und wo ist der Unterschied?“ fragten die Leute. „Der Unterschied?“ sagte der Rabbi: „Im Himmel, da füttern sie sich gegenseitig.“ Ich finde, das ist ganz nah bei dem Bild, das von der ersten Christengemeinde gezeichnet wird.