Es ist ein bewegender Moment, den uns der Chronist hier schildert: Die Lade des Bundes wird in den Tempel getragen. Feierlicher Einzug, Bewegung, Sammlung. Doch das Entscheidende geschieht nicht im Tragen und Bewerkstelligen, sondern im Klang der Musik.
I
„Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge“ – so heißt es. Ein einziger Klangkörper. Kein Nebeneinander, kein Durcheinander, sondern ein geeintes, ausgerichtetes Musizieren. Genau in diesem Moment geschieht das Unfassbare: Die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes. Hier begegnet uns eine theologische Pointe: Gott in seiner wirkmächtigen Präsenz wird nicht herbeigetragen, nicht durch allerlei prächtiges Tun hergestellt, sondern im Klang wird seine Gegenwart erfahrbar. Vielleicht tut hier schon die tiefste Bedeutung dessen kund, was wir mit der Kirchenmusik verbinden: Musik als Medium der Gotteserfahrung, als solche schon das Wunder, wenn Klang zur Offenbarung wird.
Die Episode aus dem Buch der Chronik von der Einweihung des Salomonischen Tempels zu Jerusalem beschreibt keine Predigt, kein Opfer, kein Gebet im engeren Sinne. Sie spricht über Musik, Trompeten, Zimbeln, Sänger – eine gottesdienstliche Klangordnung. Musik ist hier nicht Beiwerk, nicht Begleit- oder gar Hintergrundmusik, sondern Medium der Gottesgegenwart. Das erinnert an die Einsicht, die sich durch die gesamte biblische Tradition zieht und später von Theologen wie Augustinus aufgenommen wird: "Wer singt, betet doppelt" – nicht weil Musik mehr sagt als Worte, sondern weil sie tiefer reicht.
Musik überschreitet die Grenze zwischen Sagbarem und Unsagbarem. Sie ist eine zeitliche Kunst, so könnte man sagen, sie ereignet sich im Vollzug. Sie lebt in den Momenten des Gespieltwerdens oder sie lebt nicht. Auch wenn wir meinen, sie auf Tonträgern fassen zu können – nur im Lautwerden lässt sie ihr Wesen hören. Genau darin liegt ihre theologische Qualität und ihre Affinität zum Göttlichen: Gott ist kein statisches Objekt, sondern ein Geschehen. Dass sich der ewige Gott nicht in der An-Schauung, sondern im Hören auf jener Schwelle zum Unhörbaren hin erfahren lässt, durfte schon Elia am Gottesberg erfahren. (1. Könige 19,12)
Wenn Klang sich entfaltet, wenn Stimmen sich ineinanderfügen, wenn Atem zu Ton wird, dann geschieht etwas, das sich nicht festhalten lässt, aber erfahren werden kann: Dann geschieht Präsenz, göttliche Gegenwart.
Wie oft haben wir uns schon beim Hören schöner Musik staunend daran erfreut: Die Buntheit, die Vielheit kommt uns als Einheit entgegen. Wie der Chronist betont: „Es war, als wäre es einer“. Was es da zu hören gibt, ist keine Uniformität, sondern Einheit in Differenz. Viele Stimmen – ein Klang. Viele Instrumente – ein Lob. Viele Strahlen – ein Licht. Viele Zeichen – ein Geist. Keiner hat es in der Musikgeschichte so vollkommen realisiert wie Johann Sebastian Bach: das polyphone Spiel, in dem die unterschiedlichen Stimmen in ihrer Eigenständigkeit existieren und doch aufs Intensivste aufeinander bezogen sind.
II
Immer schon galt die Erscheinungsform der Polyphonie als Gleichnis für das Verständnis von Kirche überhaupt: Die Gemeinde - wie die Schar der in den Tempeln Gottes Versammelten zu allen Zeiten - ist kein Chor der Gleichförmigkeit oder gar der Eintönigkeit, sondern Resonanzraum vieler Stimmen in wunderhaftem Gleichklang. Jede Stimme zählt, aber keine Stimme ist für sich allein.
Erst in dieser geordneten Vielstimmigkeit wird der Raum bereit für das, was der Abschnitt aus dem Chronikbuch „die Herrlichkeit des Herrn“ nennt. Diese Verheißung ist der Musik im Raum des Heiligen mitgegeben: dass sich in, mit und unter den Tönen der Vielen die eine Stimme göttlicher Gegenwart ereignet. Das ist das Wunder, ein Geschehen, das unser biologisch-natürliches Sensorium übersteigt, wie es schon bei der Offenbarung am Berg Sinai hieß: „Und alles Volk sah die Stimmen und die Blitze und den Ton der Posaune.“ (2. Mose 20,18)
Welch ein verheißungsvoller Horizont ist am Sonntag Kantate der singenden Gemeinde eröffnet! So lautet schlicht die Aufforderung: „Singet!" Doch dieses Singen ist mehr als musikalische Gestaltung. Es ist eine geistliche Praxis mit Aussicht auf etwas Wunderbares, dass sich etwas von Gottes Wesen kundtut, dass im Lob und Preis die Herrlichkeit des Herrn sich Ausdruck verschafft. Nicht machbar, nicht konservierbar, nicht verfügbar, einzig zu empfangen, entgegenzunehmen wie ein Geschenk, aufzunehmen wie die lebendige Stimme des Evangeliums, wie Brot und Wein beim Mahl des Herrn.
Dann kann es geschehen, am Sonntag Kantate oder wann auch immer sich Atem zu Ton wandelt, dass sich Gottes Stimme ausspricht. Gottes Mitteilung ist, wo menschliche Sprache nicht mehr zureicht. Dort ist „Wolke“. Dort ist der Raum voll der Ehre Gottes, dort finden alle menschlichen Dienste, auch die Dienste der Priester, ihre Grenze. Ja, auch heilige Handlungen und wohl geformte Predigtworte können einen Hang zur Selbstüberschätzung in sich tragen – alles menschliche Machen ist in seine Schranken verwiesen durch Gottes Wirken.
III
Auch die Musik tritt zurück hinter das, was sie ermöglicht hat: die Gegenwart Gottes, symbolisiert in der Wolke, Zeichen der unverfügbaren Präsenz des Ewigen. Auch die Musik kann Gottes Gegenwart nicht produzieren. Sie kann sie nicht erzwingen. Aber sie kann Raum schaffen, in dem sie sich ereignen kann. Das ist der große Vorzug der Musik. Der Begriff grenzt ein, das Bild legt fest – die Musik demgegenüber entlässt in die Freiheit.
All dies kann der Gemeinde am Sonntag Kantate neu Lust machen am Singen in Gemeinschaft. Die Erfahrung, gemeinsam zu atmen und gemeinsam den Atem zum Ton werden zu lassen, kann eine beglückende Erfahrung sein. Geradezu eine heilsame Erfahrung. Dabei zählt nicht die Perfektion, sondern das Teilnehmen und Teilgeben. Das Hören aufeinander als Pendant zum miteinander Singen ist die beste aller denkbaren Vorbereitungen für eine freiheitliche Gesellschaft und allemal für eine Kirche der Freiheit.
So ist am Sonntag Kantate geradezu das Ganze christlicher, ja religiöser Existenz aufgerufen. Der heilige Raum wird nicht durch Architektur erfüllt, sondern durch Klang. Im Klang kann es geschehen, dass Himmel und Erde sich berühren. So kann es am nachösterlichen Sonntag Kantate wahr werden, dass wir im Singen nicht nur von Gott reden, sondern dass wir – für einen Moment – mit seiner Sphäre in Berührung kommen. So kann es geschehen, dass sich auf unser gesungenes Gotteslob die Wolke senkt und Gott selbst gegenwärtig ist.
Es ist ein bewegender Moment, den uns der Chronist hier geschildert hat – es ist ein Moment nicht für die Chroniken vergangener Zeiten nur, es ist ein Moment, der auf Wiederholung aus ist: Überall dort, wo die Gewissheit der Bundestreue Gottes Einzug hält bei seinen Menschen, wo die Zehn Worte für ein gelingendes Leben bewegt, bewahrt und bewährt werden, wo man sich sammelt um den großen Lobpsalm seiner Güte, überall dort, wo das Lied vom neuen Leben aus dem Tod angestimmt wird, überall dort kann es geschehen, dass etwas vom Klang der Ewigkeit herüberweht, hier und jetzt, auch zu uns heute am Sonntag Kantate.