Der Brief des Paulus könnte an unsere Gesellschaft gerichtet sein, so als wäre er gestern geschrieben worden und heute bei uns angekommen. Hat sich denn nichts geändert, Paulus schrieb diesen Brief doch schon um 57 n. Ch., also vor 1968 Jahren?
I
Natürlich hat sich viel verändert, unsere Lebensumstände sind anders, aber der Mensch, du und ich, wir sind in unserem Kern gleichgeblieben. Genau aus diesem Grund sind die Bibeltexte immer so aktuell, so existentiell, sie sind für uns geschrieben, sonst hätten wir diese ganzen Schriften doch schon längst als Museumsstücke in einer Vitrine.
Paulus schreibt uns von den Machenschaften der Finsternis. Wir sind hart mit diesen Machenschaften konfrontiert und scheinbar den Bedrohungen schutzlos ausgeliefert. Beim Namen genannt: die Bedrohung durch den russischen Machthaber, die Unzuverlässigkeit des amerikanischen Machthabers, das Übergehen des Völkerrechts, Krieg in Europa, in Afrika, vielleicht bald in Südamerika, Hunger Vertreibung, Flucht und überall die fatalen Folgen des Klimawandels, auch des „kommunikativen Klimawandels“. Welch Welt hinterlassen wir unseren Kindern? Sind wir machtlos? Paulus schreibt den christlichen Hausgemeinden in Rom:
II
„ Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.
Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.
Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts“.
Paulus ist sehr klar, er verschweigt nicht, dass wir uns ständig mit der Macht, die so lebensfeindlich ist, auseinandersetzten, uns ständig zwischen Gut und Böse entscheiden müssen. Damit fällt auch schon das Wort „gut“. Paulus spricht von „Waffen des Lichtes“. Ist die Kerzenflamme, heute angezündet, schon eine Waffe des Lichtes gegen so viel erdrückende Finsternis, gegen eine Finsternis, die auch unser persönliches Leben beherrschen kann, Krankheit, Sorgen um die Familie, Streit und Ärger untereinander. Eine kleine Adventskerzenflamme – kann sie etwas dagegen bewirken? Paulus schreibt uns ein „Ja“! Er wird sogar ganz konkret:
Lege ab, was du als Dunkles bei dir erkennst. Es ist gar nicht so einfach, wir sind doch so etwas wie schwarz-weiß-kariert, nicht fehlerlos, aber auch nicht lieblos, eher unbedacht, rechthaberisch, aber dann wieder anderen zugewandt, manchmal egoistisch und verletzend aber auch oft tröstend und voller Fürsorge. Manchmal werden wir schuldig, wenn wir lieben sollten. Die Kerzenflamme kann mich daran erinnern, eine einzige Flamme kann uns ganz erfassen, unser Herz wärmen, unseren Verstand erhellen, uns einen Weg weisen. Einen Weg weisen, welchen?
III
Paulus gibt Antwort: „Seid niemandem etwas schuldig – außer, einander zu lieben. Denn wer andere liebt, hat die Gebote, die Tora, erfüllt. Liebe deine Nächste und deinen Nächsten wie dich selbst. Die Liebe tut den Mitmenschen nichts Böses. Die Fülle der Tora ist die Liebe“. Das sind keine neuen Sätze, aber ein riesige Aufgabe, vielleicht scheitern wir deshalb so oft daran. Die Adventskerzenflamme kann unser Zeichen werden, diese Aufgabe anzunehmen, es zu versuchen, beharrlich immer wieder dem Licht zu folgen, mich für die Liebe zu öffnen und sie dann wie eine Rüstung zu tragen. Aus dem Kleinen kann etwas Großes werden, aus wenig kann ganz viel werden, aus Finsternis kann Licht werden aus Lieblosigkeit kann Liebe werden.
Paulus schreibt uns ganz viel Mut zu. Wir haben keinen Grund zu verzweifeln. Wir sehen und erleben Leidvolles, aber es kommen wieder andere Zeiten. Menschen können sich besinnen, verändern, Alles kann neu werden. Dietrich Bonhoeffer hat es in einem Gebet, einem Glaubensbekenntnis, so formuliert:
„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet“.
Wir sind nicht machtlos, wir können unseren Kindern und Enkelkindern ein Wissen hinterlassen, mit dem auch sie die Welt gestalten können. Es ist das Wissen um die Macht der Liebe, die Macht Gottes, die uns mit den Flammen der Kerzen im Advent einen Weg in die Zukunft weist.