Ein langer Predigttext, irgendwie vertraut und doch fremd zugleich, dieser sogenannte Zweite Schöpfungsbericht, aus bildlichen Darstellungen der Kunst kennen wir Motive. Die vier Paradiesströme etwa oder Gott als Gärtner und immer wieder gern die zwei nackten Menschen und das Bild, wie die Frau praktisch aus dem Körper des Mannes herausgeholt wird. Bei Hochzeiten haben wir vielleicht Verse aus diesem Kapitel gehört. Manche meinen sogar, aus diesen Versen einige als Munition gebrauchen zu dürfen oder gar zu müssen, wenn es darum geht, die eigene Sicht im Verhältnis der Geschlechter als die einzig gott-gemäße zu behaupten.
Wenn wir aber nun einmal das Bibelwort in diesem großen Zusammenhang auf uns zukommen lassen, wird schnell deutlich: Der Zusammenhang von Gottes Schöpferhandeln und dem Leben des Menschen, der hier Wort geworden ist, ist viel zu großartig, viel zu ursprünglich, zu grundsätzlich, als dass wir darin kleinliche Antworten auf Fragen bürgerlicher Moral im 21. Jahrhundert erwarten dürften. Man könnte meinen, die Bibel selbst hat sehr deutlich davor gewarnt, das heutige Leben der Menschen ganz unmittelbar in diese Bilder einzuprägen. Denn bald darauf wird ja dem Menschen ein eigener Platz außerhalb dieses Gartens zugewiesen, und vieles ändert sich. Dennoch aber ist es wertvoll, einmal ganz in dieser Erzählung des Anfangs zu baden, zu staunen, wahrzunehmen, welchen Platz der Mensch in dieser Welterzählung einnimmt.
Eine erste Beobachtung: Die Reihenfolge überrascht. Kennen wir aus dem Schöpfungslied im Kapitel davor eine systematische Reihenfolge der Schöpfungswerke mit dem Menschen am Ende, so wird hier betont, dass alles Mögliche noch nicht da war: Da machte Gott der HERR den Menschen.
Als die Überlieferungen in den fünf Büchern Mose zusammengestellt wurden, störte man sich offenbar nicht daran. Niemand wäre wohl auf die Idee gekommen, eine solche Urgeschichte der Menschheit als Dokumentation eines zeitlichen Geschehens zu verstehen. Die Schöpfungsgeschichten können sich widersprechen, weil sie wahr sind. Wahr nicht im Sinn einer Stadtchronik, die Personen und Ereignisse datiert. Wahr in dem Sinn, dass der Mensch wesentliche Aussagen über sich findet, darüber, wie wir in die Welt geworfen, mit unserer Umwelt in engstem Verhältnis stehen, und darüber, dass wir uns nicht uns selbst verdanken, auch nicht dem Zufall, sondern dem Willen Gottes. Die Aussagen über das Wie wollen nicht mit Naturwissenschaften konkurrieren. Deren Antworten liegen auf einer anderen Ebene. Vielmehr erfahren wir von Anfang der Bibel an etwas darüber, dass Mensch und Gott, Mensch und Umwelt, Mensch und Mensch nicht voneinander gelöst werden können.
Eine zweite Beobachtung: Wir Menschen sollten uns nicht zu wichtig nehmen, aber auch nicht zu unwichtig. Gott der Herr machte den Menschen aus Staub von der Erde. Gottes Handeln hat beinahe etwas Spielerisches wie ein Kind, das im Sandkasten etwas nach seiner Phantasie formt. Oder dann, wie wenn er eine Modelleisenbahn Landschaft baut, einen schönen Park und dann den Menschen hineinsetzt wie eine Playmobilfigur. Schöpfung als ein spielerisches Vergnügen Gottes. So wie jedes freie Spiel eines Kindes auch ein schöpferischer Akt ist. Zugleich ist ein solches Spiel auch eine sehr ernste Sache. Denn das Kind ruht nicht, solange es noch Verbesserungsideen an seiner Landschaft hat. So entdeckt auch Gott hier noch etwas am Menschen, womit er nicht zufrieden ist. Gott kümmert sich eigenhändig darum. So ernst ist es ihm mit dem Menschen. Darum: Nimm dich wichtig, denn Gott hat alles für dich getan; aber es gilt auch: Spiel dich nicht auf, du bist nur Staub von der Erde.
Eine dritte Beobachtung: Was hat Gott nicht alles für den Menschen getan? Zuerst. Gott machte ihn lebendig. In der Lutherbibel steht das schöne Wort vom Odem des Lebens, den Gott in die Nase des Menschen blies. Michelangelo ging ganz frei mit dem Motiv um. In der sixtinischen Kapelle ist es eher der Finger Gottes, der kurz davor ist, den Menschenkörper zum Leben zu erwecken. Auch hier gilt: Der Glaube an Gott den Schöpfer legt nicht eine bestimmte Vorstellung fest, wie Gott das Leben in uns Menschen bekommt. Er lebt aber von der Erfahrung, dass unser Leben vom ersten bis zum letzten Atemzug eine Gabe Gottes ist. Andere Bilder von Gottes Fürsorge für uns Menschen: Gott der Herr pflanzt einen Garten, sorgt für schattige Bäume, Früchte, Wasser.
Die vier Ströme stehen für die Welt und die Himmelsrichtungen. Benannt werden die damals bekannten Bodenschätze, die in den damals im Orient bekannten Ländern zu finden sind, besonders das kostbare Gold aus dem Land Hawila. Ob die Bibel heute eher von Seltenen Erden, von Gas Öl und Kohle schreiben würde? Oder ob sie eher dazu mahnen würde: Alles, was ihr findet, ist kostbar und kommt von Gott. Geht umsichtig und verantwortlich damit um? Denn der Auftrag des Menschen hat mit Verantwortung zu tun, denn Gott setzte den Menschen in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. Daran schließt sich
eine vierte Beobachtung an: Gott lässt dem Menschen Autonomie, lässt ihn mitmachen im Spiel der Schöpfung, der Mensch darf die Namen für die Tiere bestimmen. So ist es bis heute, neu entdeckte Tiere und Pflanzen bekommen einen Namen. Wir Menschen können unsere Sprache entwickeln, die Welt entdecken, sie beschreiben, zu all dem Erschaffenen eine Beziehung aufbauen.
Als fünfte Beobachtung noch einmal zu einem Punkt von vorher zurück: Anders als im Ersten Schöpfungslied, wo immer alles als gut oder sehr gut gepriesen wird, hat die Schöpfung bei diesem spielerischen Schöpfergott noch Luft nach oben. Denn zum Spiel gehört das Experiment, zum Experiment gehört die Verbesserung, wenn noch etwas zu wünschen übrig lässt. Tatsächlich stellt Gott fest: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“-
Anders als unsere Hochzeitsgottesdienste in der Evangelischen Kirche vermuten lassen, ist diese Aussage in diesem ursprünglichen Zusammenhang nicht einfach die Begründung der Ehe und der ehelichen Gemeinschaft von Mann und Frau. Es ist vielmehr die grundsätzliche Feststellung, dass schöpfungsgemäß jedes Lebewesen auf Gemeinschaft angewiesen ist. Es geht nicht alleine. Es geht nicht ohne Hilfe. Es geht nicht ohne ein entsprechendes Gegenüber. Darum macht die zweite Schöpfungsgeschichte noch diesen unglaublichen Schlenker: Gott ergänzt, verbessert, vervollständigt sein eigenes Werk. Gott schafft dem Menschen ein Gegenüber, das ihm entspricht, beide sind verschieden, sie können miteinander kommunizieren, haben Freude aneinander.
Fünf Beobachtungen, was können sie für uns bedeuten? Drei Vorschläge: - Dankbar sein darüber, mit welcher spielerisch-ernsten Hingabe sich Gott um das Wohlergehen des Menschen sorgt. - Zuversichtlich sein: Gottes Fürsorge, seine Treue kennen kein Ende. - Aufmerksam sein für unseren Platz in dieser wunderbaren Schöpfung und für den Mitmenschen, der nicht zu unserer Belastung, sondern zu unserer Hilfe da ist, so auch die ganze Schöpfung, die uns anvertraut ist, sie zu bebauen und zu bewahren.