„Was feiert man eigentlich an Pfingsten?“ So wurde letztens im Radio-Werbespot gefragt. Die Antwort „Äh…“ Dann kam eine Werbung hinterher für irgendein Supersonderangebot. Ich habe es mir nicht gemerkt. Der Werbespot hat bei mir seinen Zweck verfehlt. Das liegt wohl daran, dass ich zu der Minderheit in unserer Bevölkerung gehöre, die weiß, was wir zu Pfingsten feiern. Die Mehrheit, die das nicht weiß, kennt wenigstens das aktuelle Supersonderangebot.
Aber was haben wir als Kirche heute im Angebot? Pfingsten lässt sich schlecht vermarkten. Denn der Heilige Geist weht, wo er will. Wir können ihn nicht festhalten.Nach Weihnachten und Ostern ein drittes Geschenkefest einzuführen, ist offenbar selbst für Konsumbegeisterte zu viel. Pfingsten ist also ein Ausflugswochenende: Perfekt für einen Kurzurlaub, eine Radtour oder eine Grillparty, sofern das Wetter mitspielt.
Wir sind aber heute hier, weil wir uns vom Heiligen Geist begeistern lassen wollen.Das heißt, wir müssen uns tatsächlich fragen, was Pfingsten für uns bedeutet.
Die Göttliche Komödie
Vor ein paar Jahren stieß ich auf einen Roman der vor drei Jahren verstorbenen Autorin Sibylle Lewitscharoff mit dem Titel: „Das Pfingstwunder“.
In dem Roman geht es nicht um die Pfingstgeschichte, wie wir sie gerade in der Lesung gehört haben. Das Buch handelt von einem Kongress: 34 Dante-Experten treffen sich im Jahr 2013 in Rom, um sich über ihre neuesten Forschungsergebnisse zur „Göttlichen Komödie“ miteinander auszutauschen.
Die Göttliche Komödie ist das Hauptwerk des italienischen Dichters Dante Alighieri, der um die Jahrhundertwende vom 13. Zum 14. Jahrhundert lebte. Die Divina Commedia gilt als bedeutendste Dichtung der italienischen Literatur und hat gleichzeitig die italienische Sprache als Schriftsprache begründet. Deshalb ist sie bis heute vor allem für Romanisten aus aller Welt interessant.
Dante beschreibt in der Commedia, wie er selbst in einer Art Vision in die Hölle hinabsteigt. Durch den römischen Dichter Vergil wird er durch die neun Kreise der Hölle geführt. Vergil fungiert dabei als Reiseführer. Dante darf sich alles als Besucher anschauen und erlebt eine mittelalterliche Hölle, wie sie im wahrsten Sinne des Wortes „im Buche steht“: Er wird Zuschauer von diversen Qualen, die die Verstorbenen in der Hölle erleiden - als Strafen für irdische Verfehlungen.
Zu Dantes Zeiten zementierten diese Drohbilder der Hölle kirchliche Machtstrukturen. Wer sich nicht nach den Regeln der Kirche verhielt, wurde mit Exkommunikation abgestraft. Ein Ausschluss aus der Kirche war gleichbedeutend mit einer garantierten Höllenfahrt nach dem Ableben. Dante verfolgt demgegenüber einen etwas anderen Ansatz: Für ihn ist die Hölle eine logische Folge für menschliches Fehlverhalten. Keiner kommt ungestraft davon. Die Hölle ist für ihn eine Tatsache. In ihr befinden sich Christen und Heiden, Männer und Frauen, Laien und Kleriker. Die Hölle ist der Ort der Abrechnung. Jeder muss für das bezahlen, was er auf Erden verbockt hat. Trotzdem ist sie nicht das Gegenteil vom Himmel, im Sinne von: Die Bösen kommen in die Hölle, die Guten in den Himmel. Die Hölle ist für Dante eher ein Ort der Erziehung, oder besser noch der Reinigung der menschlichen Seele, bevor sie in den Himmel aufsteigen kann.
Dantes Hölle ist unterirdisch angesiedelt, aber vielmehr noch gleicht sie dem Abgrund der menschlichen Seele. Der Teufel selbst sitzt am Tiefpunkt, am absoluten Nullpunkt. Dort ist alles zu Eis erstarrt. Wer aber in die Abgründe der menschlichen Seele geblickt hat und sich ihnen stellt, wird danach wieder aufsteigen. So findet sich am Grund der Hölle der Durchgang in das Purgatorium. Purgatorium wird meist übersetzt mit „Fegefeuer“, doch dieser Begriff ist für unsere Ohren irreführend. Wörtlich übersetzt bedeutet purgatorium „Ort der Reinigung oder Läuterung“. Bei Dante ist das Purgatorium ein Berg – also das eigentliche Gegenteil der Hölle. Dort steigt die Seele nach der Höllenfahrt wieder auf.
Mit Erklimmen des Läuterungsberges wird aus der menschlichen Seele all das getilgt, was jetzt noch den endgültigen Aufstieg ins Paradies behindert. Was Dante hier beschreibt, ist eigentlich eine Art Psychotherapie: Zuerst: wahrnehmen, was an seelischen Abgründen da ist, diese verbalisieren, dann loslassen und schließlich geheilt werden – also befreit ins Paradies kommen. Das ist keine mittelalterliche Vorstellung, sondern höchst modern. Was Dante in den Abgrund der Hölle reisen lässt, ist unter anderem die Trauer um den Tod seiner Jugendliebe Beatrice. Ihr begegnet er im Paradies, sie führt ihn durch die himmlischen Sphären bis hin zu Gott selbst.
Dantes Göttliche Komödie endet mit dem Anblick des Dreieinigen Gottes. In einem Erkenntnisblitz, der sich nicht ausdrücken lässt, versteht Dante endlich das Geheimnis von Christi Gottheit und Menschheit, und seine Seele wird verbunden mit der Liebe Gottes – er erfährt eine Art „unio mystica“, ein Erleuchtungserlebnis.
Dante selbst stirbt kurz nach der Vollendung der Commedia im Alter von 56 Jahren. Er hat offenbar durch diese Art von Therapie seine Lebensthemen bearbeitet, sich damit ausgesöhnt und wieder zu Gott gefunden. Genau das ist es, was Dantes Komödie zu einem großen Stück Weltliteratur macht. Komödie übrigens deshalb, weil alles gut ausgeht. Himmel statt Hölle, Erlösung statt Verdammnis. Und über allem die Liebe Gottes.
Das Pfingstwunder
In Sibylle Lewitscharoffs Roman kommen Danteforscher zu einem Kongress zusammen. Sie alle sind von der Göttlichen Komödie begeistert. Der Icherzähler und Protagonist ist ein etwas über 60 Jahre alter deutscher Romanistikprofessor namens Gottlieb Elsheimer. Er ist der Veranstalter des Kongresses. Nachdem die Wissenschaftler einige Tage ihre Begeisterung für Dantes Werk geteilt haben und miteinander inhaltlich durch Hölle und Purgatorium geschritten sind, passiert auf einmal etwas völlig Unerwartetes:
Die Glocken am Petersdom läuten das Pfingstfest ein. Im gleichen Moment werden die Kongressteilnehmer von einer Art Ekstase ergriffen und können auf einmal fremde Sprachen sprechen und verstehen. Die Worte werden immer mehr, füllen den Raum und so reißt man die Fenster auf. Dann passiert das „Pfingstwunder“: Die Gelehrten einschließlich eines Hundes, der Hausmeister und die afrikanische Kellnerin steigen allesamt aufs Fensterbrett, erheben sich in die Lüfte und fliegen davon. Alle bis auf einen.
Gottlieb Elsheimer fliegt nicht mit. Zwar teilt er die Begeisterung der anderen, aber irgendetwas hält ihn auf dem Erdboden zurück. Natürlich fragt er sich zu Recht, warum er nicht Teil dieser wundersamen Himmelfahrt geworden ist. Aus diesem Grund berichtet er dem geneigten Leser also von den Vorträgen seiner Kollegen und versucht nebenher in seinen Alltag zurückzufinden. Dieser ist alles andere als gelungen: Elsheimer ist geschieden und lebt alleine in Frankfurt. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist schwierig. Sein Leben besteht nur aus Wissenschaft und Forschung. Glaubensfragen begegnet er mit Distanz oder sogar Skepsis. Kurz gesagt: Er befindet sich in der Krise. Aber es gelingt ihm nach und nach, wieder ein wenig Struktur in sein Leben zu bekommen. Die Antwort auf die Frage, warum er alleine nicht in den Himmel abgehoben ist, bleibt allerdings dem Leser überlassen. Der Roman ist Literatur und kein Stoff für einen Hollywoodfilm. Aber er bringt das eigentliche Pfingstwunder auf den Punkt.
Die Pfingstbotschaft
Springen wir also zurück nach Jerusalem. Die Jünger werden vom Heiligen Geist erfüllt und beginnen in allen Sprachen zu predigen. Sie predigen von der Erlösung und von der Liebe Gottes, und sie werden verstanden. Die Botschaft fällt auf fruchtbaren Boden und breitet sich aus in alle Welt. Die Begeisterung steckt an, der Funke springt über. Die Kirche wird geboren als eine bunte Gemeinschaft von Begeisterten, die sich durch nichts einschüchtern lassen. Mit unserer Kirche heute hat das wenig zu tun.
Vor einigen Jahren habe ich auf eine Einladung hin einen Gottesdienst einer afrikanischen Pfingstgemeinde besucht. Nach schwungvollen Gesängen begann eine Zeit des freien Gebets. Auf einmal passierte etwas, was dem Pfingstgeschehen ähnlich war – jedenfalls stelle ich mir das so vor: Die Afrikaner begannen in Zungen zu reden. Ein überirdisches Gemurmel füllte den Raum. Wir standen daneben und hörten zu. Die Begeisterung der anderen konnten wir nicht teilen, nur beobachten. Uns ging es genauso wie Gottlieb Elsheimer. Wir wurden Zeugen von etwas, aber hoben nicht ab, blieben auf dem Boden.
Pfingsten ist aber nichts Abgehobenes. Auch Sibylle Lewitscharoff war keine Pfingstlerin. Als gebürtige Schwäbin war sie „gut evangelisch“. Über Wunder sagte sie in einem Interview, dass sie sie für möglich halte, aber noch keine erlebt habe. Sie war keine fleißige Kirchgängerin, aber besuchte Gottesdienste ab und zu. So wie die meisten von uns. Sie ist also wie ihr Protagonist auf dem Boden geblieben. Welche Botschaft möchte sie uns mit ihrem Roman nahelegen? In ihrem Roman gibt sie ihren Leserinnen und Lesern Raum, eigene Antworten zu finden. Ganz ähnlich und ebenso sachlich schildert Lukas das Pfingstgeschehen in der Apostelgeschichte:
„Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.“
Die Reaktion der unbeteiligten Zuschauer ist Unverständnis – sie sind ratlos oder vermuten den Einfluss alkoholischer Getränke als Ursprung der Massenekstase. Aber dann beginnt Petrus zu predigen. Er deutet das Sprachenwunder als Erfüllung der Joel-Prophetie (Joel 3,1-5), wonach Gott in den letzten Tagen seinen Geist auf alle Menschen ausgießt. Im Anschluss daran bezeugt Petrus Jesu Wirken, seinen Tod, seine Auferstehung und Erhöhung als Erfüllung der Schrift und ruft anschließend zur Umkehr und Taufe auf, woraufhin etwa 3000 Menschen Christen werden. Diese Predigt ist es, die den Funken also überspringen lässt. Petrus Zuhörerschaft fliegt nicht zum Himmel. Aber sie erzählen das, was sie erfahren haben weiter.
Jetzt ahnen wir die Antwort auf die Frage nach Pfingsten, und deshalb ist auch Gottlieb Elsheimer zurückgeblieben: Damit er dem Leser berichten kann, was er erlebt hat. So wie die Jünger auch. Das ist das Wunder: Von dem erzählen, was uns begeistert und andere mit hineinnehmen in diese Begeisterung.
„Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe, einer hat uns aufgeweckt und das Feuer brennt hell.“ So heißt es in einem Kinderkirchenlied. Das ist Pfingsten. Sich anstecken lassen von der Flamme der Liebe. Von der Erlösung und der Liebe Gottes erzählen. Begreifen, dass Gottes Geist alles durchdringt, auch wenn die Welt oder das Leben nicht danach aussehen. Wenn wir das tun, dann sind wir mittendrin im Pfingstgeschehen. Kein geistiger Höhenflug vielleicht, aber doch das Bewusstsein, dass der Himmel über uns geöffnet ist, Schuld vergeben wird und Lasten leichter werden und Gottes Liebe grenzenlos ist, auch unsere Grenzen überwindet. Gott begeistert uns, aber wir können seinen Geist nicht festhalten. Es bleibt unsere Aufgabe, immer wieder um den Heiligen Geist zu bitten (mit (Mercy Amba Oduyoye übers. von Gustl Roth):
"Komm, Heiliger Geist! Wir bitten dich: Komm! Nicht weil du nicht schon längst unter uns bist, sondern: Komm, wecke uns auf rüttle uns wach, öffne unsere Augen. Wir bitten dich: Komm! Nicht weil du nicht schon längst mit uns auf dem Wege bist, sondern: Komm! Wie das Licht, das uns blendet, das uns herausreißt aus unserer Ichbezogenheit. Wir müssen uns selbst vergessen, um auf deine Stimme hören zu können. Komm, Heiliger Geist! Komm, Schöpfer Geist! Komm, Geist der Wahrheit, komm! Komm, Heiliger Geist, (Geist des Friedens, SR), Geist der Einheit, wir bitten dich: Komm!"