„Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn“
Die Passionsgeschichte lenkt meinen Blick auf die Leiden und Qualen auch in unserer Zeit
| Predigttext | Matthäus 26,45-27,50 |
|---|---|
| Kirche / Ort: | Evangelisch - lutherische Kirche / Herford-Herringhausen |
| Datum: | 03.04.2026 |
| Kirchenjahr: | Karfreitag (2. Gottesdienst oder Karsamstagabend) |
| Autor: | Professor Dr. Helmut Schwier |
(Predigt und Liturgie mit Mattäus 26,45-27,50)
Predigttext: Matthäus 26,45-27,50 (Jesu Gefangennahme - Jesus vor dem Hohen Rat - Die Verleugung des Petrus - Jesus vor Pilatus. Das Ende des Judas - Jesu Verurteilung und Verspottung - Jesus Kreuzigung und Tod)
Liturgie
Eröffnung und Anrufung Lied: EG 75,1-3 „Ehre sei dir, Christe“ Im Namen ... Unsere Hilfe ... Der Herr sei mit euch ... Psalm 22 Tagesgebet Verkündigung und Bekenntnis Lesung: Matthäus 26,45-56 Lied: EG 76,1 „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ Lesung: Matthäus 26,57-75 Lied: „Alle Jünger laufen weg“, „Petrus, der nicht denkt zurück“ (Mel.: „Jesu Leiden, Pein und Tod“) Lesung: Matthäus 27,1-14 Lied: EG 81,1+7 „Herzliebster Jesu“ Lesung: Matthäus 27,15-30 Lied: EG 85,1+2 „O Haupt voll Blut und Wunden“, „Du edles Angesichte“ Lesung: Matthäus 27,31-50 Lied: EG 85,9 „Wenn ich einmal soll scheiden“ Liturgische Handlung: Osterkerze auslöschen, Kreuz verhüllen Bach-Choral: „Wenn ich einmal soll scheiden“ Predigt Lied: EG 97,1-6 „Holz auf Jesu Schulter“ Fürbi6e, Sendung, Segen Abkündigungen Litanei – Vaterunser Sendung – Segen Bach-Choral: „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“
(Predigt und Liturgie mit Mattäus 26,45-27,50)
Jesus ist tot. Er stirbt verlassen: von seinen Jüngern, von den Menschen, die ihm beim Einzug in Jerusalem noch zujubelten („Hosianna dem Sohn Davids“), verlassen von denen, die ihn verspotteten, verlassen von Gott – am Ende bleiben nur die geifernde Soldateska und die beiden Schächer, auch die lästern. Jesus stirbt inmitten von Henkern und Hingerichteten. Jesus stirbt mit einem unbeantworteten Schrei nach Gott.
Mich bewegt die Passionsgeschichte in jedem Jahr neu. Ich höre aufmerksam zu, wenn sie vorgelesen wird, achte auf ihre Dramatik, die kleinen überraschenden Details. Ich bedenke sie in den Liedern und Gebeten im Gottesdienst im Blick auf mein Leben, meinen Glauben. Ich lasse mich ergreifen von den Klängen und zu Herzen gehenden Harmonien der Bachchoräle: „Wenn ich einmal soll scheiden“, und am Ende des Gottesdienstes: „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“.
Mit der Passionsgeschichte zu predigen, lenkt meinen Blick auf die Leiden und Qualen auch in unserer Zeit, lenkt meinen Blick auf die individuelle Angst und Einsamkeit und lenkt meinen Blick auf die Frage: Wo ist Gott? Diese drei Blickrichtungen möchte ich heute Morgen beschreiben.
I Jesus stirbt einen qualvollen Tod, hingerichtet am Kreuz – wie vor ihm und nach ihm unzählige Sklaven, Aufrührer und Verbrecher. Bei Jesus verursacht und eingefädelt durch ein raffiniertes Macht- und Ränkespiel der politischen und religiösen Autoritäten. Was bedeutet denen ein Menschenleben? Nichts! Todesstrafe? Selbstverständlich! Da werden Kriege angezettelt, in der Ukraine, im Iran, im Nahen Osten insgesamt – von mächtigen Männern und ihren noch mächtigeren Interessen, ihrer Gier nach Geld, Einfluss, Ruhm. Ob es Menschenleben kostet? Egal!
Im Vergleich zu Putin, Trump, Netanjahu und anderen Kriegsherren und autoritären Herrschern ist Pilatus ein ziemlich kleines Licht, aber auch ein Muster. Er war voller Hass gegen die Juden, wie wir aus den antiken Quellen wissen, und ein Mann auf der politischen Karriereleiter: abhängig und gehorsam gegenüber den Befehlen von oben, brutal und rücksichtslos bei seinen Befehlen nach unten. In der Passionsgeschichte wird er als zögerlich dargestellt. Das entspricht kaum der historischen Wahrheit. Nicht nur „gelitten unter Pontius Pilatus“, sondern zum Tode verurteilt durch ihn: So stimmt es – da kann er sich symbolisch die Hände waschen, sooft er will – dies Blut klebt an ihm bis zum heutigen Tag. Und die reliösen Führer in Jerusalem stehen ihm nicht nach. Wer ihre Stellung bedroht, infrage stellt, dass sie Gott und seinen Willen vertreten, muss beseitigt werden, mit allen Mitteln: mit Belohnungen für Verräter, mit falschen Zeugen, mit politischen Intrigen, mit Bestechungen der Volksmenge und Manipulation der öffentlichen Meinung.
Und das Volk? Leicht zu beeinflussen und stets bereit, Parolen für die Wahrheit zu halten, andere zum Sündenbock zu machen und sie dann aus der Gemeinschaft auszustoßen, zu beseitigen. „Kreuzige ihn!“ Die Mechanismen von Macht und Machterhalt funktionieren heute kaum anders, vielleicht mancherorts subtiler. Wie gut, dass wir in einer Demokratie leben. Hier wird Macht durch Wahl verliehen, und das immer nur auf Zeit. Aber auch in unserem Land wächst erkennbar die Zustimmung zu autoritären Positionen und einer Politik der Parolen.
Die Passionsgeschichte benennt klar das Unrecht der Mächtigen. Und sie macht deutlich, dass dieses Unrecht vor Gottes Gericht gestellt werden wird. Woran sehen wir das? Jesus antwortet auf die Frage des Hohepriesters, ob er der Messias, der Christus, der Sohn Gottes sei, nicht nur mit einem „Ja, so ist es“, sondern fährt fort: „Ihr werdet den Menschensohn sehen zur Rechten Gottes und auf den Wolken des Himmels kommen“.
Daraufhin zerreißt der Hohepriester sein Gewand. Warum? Nicht nur wegen des Christusbekenntnisses. Nein, er hat die Fortsetzung verstanden: Diese Rede vom Menschensohn ist eine Gerichtsankündigung – eine Strafankündigung gegen ihn und die Mächtigen, die Unrecht tun. Denn der Menschensohn ist im Verständnis der damaligen Zeit die himmlische Person, die Gottes Gericht voll- zieht. Jesus ist der Menschensohn, und er wird die Welt richten.
Die Matthäuspassion lässt uns erkennen: Unrecht und Gewalt herrschen in der Welt; Menschen werden zu Opfern; Mächtige mögen sich als unangreifbar und allmächtig fühlen und aufführen, aber am Ende müssen sie vor Gott Rechenschaft ablegen. Was bedeutet das für die Kirche und uns Christenmenschen? Wir tun gut daran, Gottes Gericht nicht in unsere Hände zu nehmen. Das führte in der Geschichte stets zu Unrecht und Gewalt. Die Judenverfolgungen und die Kämpfe gegen andere Konfessionen und Religionen sind abschreckende Beispiele dafür. Wir tun aber gut daran, die Maßstäbe Gottes zu erkennen, Unrecht und Gewalt klar zu benennen und alle Kumpanei mit den Mächtigen und Kriegsherren zu vermeiden. Und schließlich: Die Machtspiele innerhalb der Kirche zu verweigern. Denn Gottes Reich ist größer als die Kirche, und Jesus wird auch die Kirche richten.
II
Jesus in Gethsemane und die Jünger um ihn haben Angst, sind wie gelähmt angesichts der Soldaten. Aber einer schlägt zu: vielleicht Simon Petrus, vielleicht der andere Simon, der früher zu den Partisanen gehörte. Jesus verbietet diese Gegenwehr. Gewalt hilft nicht gegen Angst, sondern wird durch sie verursacht. Gewalt eskaliert und trifft am Ende alle. „Wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen.“ Dann fliehen alle. Petrus besinnt sich schneller als die anderen. Er reißt sich zusammen, folgt dem Trupp und mischt sich unter die Leute im Hof des Hohepriesters. Dreimal wird er als Anhänger Jesu erkannt, dreimal leugnet er, am Ende sogar mit Schwur und Selbstverfluchung. Und dann – kräht der Hahn.
Angst davor, erwischt zu werden, führt zu vielen Lügen. Angst aber um das eigene Leben schnürt die Seele zu, macht stumm, einsam, handlungsunfähig. Der Weg aus dieser Angst ist nicht Gewalt, aber auch nicht der gut gemeinte Zuspruch: „Fürchte dich nicht“. Der Weg aus dieser Angst braucht mehrere Schritte. Der erste Schritt ist Einsicht: Mir wird schlagartig klar, dass die Angst mich hat, ich nicht mehr ich selbst bin, sondern eingesperrt, allein, verloren. Und auch den zweiten Schritt zeigt Petrus: „Er ging hinaus und weinte bitterlich“. Seine Tränen lösen die Angst, lassen Gefühle zu, öffnen das Herz, lassen die selbstanklagenden Gedanken verstummen. Dies zuzulassen und auszuhalten, dauert und ist nicht einfach.
Wer ist schon ehrlich gegen sich selbst in Augenblicken der Schwäche und eigenen Versagens? Da wäre es viel einfacher, die Schuld bei anderen zu suchen. Am Ende des Weges ist Petrus in der Lage, nicht der Angst, sondern Jesus zu vertrauen. Der Auferstandene lässt ihn Vergebung erfahren, fragt ihn dreimal: Simon, liebst du mich? Das dreifache Liebesbekenntnis ist stärker als die Schuld. Wenn ich auf unseren Kirchen den Wetterhahn sehe, denke ich an Petrus zurück. An seinen Weg, durch Angst und Versagen hindurch neuen Lebensmut zu fassen; denn der Auferstandene vergibt die Schuld, besiegt den Tod, stiftet Vertrauen.
Und Judas? Ob er wirklich der geldgierige oder vom Satan besessene Bösewicht war, wie ihn die Evangelien schildern, wissen wir nicht. In der heutigen Theologie vermutet man in ihm eher einen Eiferer für das Reich Gottes. Er verrät Jesus, um ihn zu zwingen, sich machtvoll zu offenbaren und die Herrschaft der Römer und der einheimischen Priesterclique endlich zu beseitigen. Der Plan geht nicht auf. Als er es merkt, will er alles ungeschehen machen. Auch das ein kindischer Plan, der an den neuen Realitäten scheitert. Mit seiner Schuld kann er nicht leben und tötet am Ende sich selbst – ein verzweifeltes, gnadenloses Ende. Hätte Jesus auch ihm vergeben wie Petrus? Die Frage bleibt offen.
Immer wenn ich Abendmahl feiere, denke ich auch an Judas; denn in der Nacht, da er verraten ward von Judas, nahm Jesus Brot und Wein, verweist auf sein Sterben. Das begründet den neuen Bund zur Vergebung der Sünden. Wir feiern Abendmahl auch in der Gemeinschaft mit Petrus und mit Judas; wir, die ebenfalls Schuldigen, gehören zu ihnen. Und wir hoffen, dass uns vergeben wird, uns Gnade begegnet, uns neue Lebenskräfte wachsen. So wie wir es zum Beginn des Frühlings erfahren: Mitten in Kälte und Erstarrung künden Osterglocken und Tulpen vom neuen Leben und von Lebensfreude; unaufhaltsam bricht es sich Bahn.
Und schließlich lesen wir noch von den Frauen, die Jesus nachfolgten. In der Matthäuspassion stehen sie nicht unter dem Kreuz, sondern können nur von Ferne zuschauen (Matthäus 27,55f). Sie bleiben in der Distanz, voller Angst kaum um sich selbst, aber um Jesus. Sie halten aus bei ihm, lassen den Sterbenden in seinem Todeskampf nicht allein. Sind einfach da, wissen, was zu tun ist, auch in Schmerz und Verzweiflung.
Wenn menschlich nichts mehr zu ändern ist, ist es immerhin möglich und geboten, dem Toten seine Ehre und Würde zurückzugeben, den Leichnam zu waschen, zu kleiden, zu bestatten, zu beweinen. So tun sie es, ohne die Zwölf, aber zusammen mit Josef von Arimathäa, einem heimlichen Sympathisanten (Matthäus 27,57-61), der seine eigene Grabstätte für Jesus hergibt.
III
Und Gott? Wo bleibt er? Die Schaulustigen wollen das wohl nicht wirklich wissen. In Selbstsicherheit und Übermut fordern sie ein Schauwunder. Sie reden wie der Teufel zu Beginn von Jesu Wirksamkeit: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann ...“ – mach aus Steinen Brot, stürze dich vom Tempeldach; weissage, wer dich schlug, steig herab vom Kreuz; warte, ob Elia kommt, dich zu retten. Klingt irgendwie einfach und ist doch verkehrt.
Jesus hat viele Wunder getan, aber keines zur Demonstration seiner Macht. Seine Wunder sind Zeichen. Sie zeigen, wie Gott die Welt will: Blinde können sehen, Lahme gehen, Taubstumme hören und sprechen, Hungrige werden satt, die in ihrer Seele Verwundeten werden heil, und der Tod wird besiegt. Sie sind Zeichen auch für uns, die Welt nach Gottes Willen besser zu machen, nicht zuletzt durch Medizin und gerechte Verteilung der Lebensmittel.
Doch nun auf Golgatha? Jesus ruft am Ende zu Gott mit dem Schrei aus Psalm 22: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Gott schweigt. Das Sterben wird nicht verhindert. Jesus kommt an Schmerzen, Todesangst und den Tod nicht vorbei. Gottes Sohn als Mensch muss hindurch – so wie wir. An unserem Ende helfen uns nicht Selbstsicherheit und Übermut, sondern hilft ein Gebet, das alles vom Gekreuzigten erwartet: „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür; wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten krae deiner Angst und Pein“.
In der Passionsgeschichte lesen wir aber auch noch von zwei himmlischen Zeichen: die Finsternis mitten am Tag und das Erdbeben direkt nach Jesu Tod. Sie sind in der Bibel Hinweise auf Gottes Wirken, allerdings verborgen und nur für kundige Bibelleser erkennbar. Nach dem Propheten Amos sendet Gott eine Finsternis mitten am Tag als Zeichen der Trauer um den einzigen Sohn (Amos 8,9f).
Das Erdbeben führt zum Zerreißen des Tempelvorhangs. In Frage kommen zwei Vorhänge. Der erste trennt den Vorhof der Israeliten vom Heiligtum, zu dem nur die Priester Zugang haben. Diese Trennung ist beseitigt. Zugang zu Gott haben nun alle. Der zweite Vorhang trennt das Allerheiligste als Gottes Wohnort ab von allem anderen. Gott wohnt also nicht mehr im Tempel. Er hat ihn verlassen. Wo ist er nun?
Gott ist auf Golgatha, leidet, trauert um seinen Sohn – ja, in Jesus stirbt Gott selbst. Und gleichzeitig verbindet Matthäus das Erdbeben mit dem Öffnen der Gräber und einem Ausblick auf Ostern (Matthäus 27,52f). Durch Leiden, Angst und Tod hindurch rettetet Gott seinen Sohn und uns. Meine Tränen: gesehen. Meine Trauer: wahrgenommen. Mein Schmerz: geteilt. Meine Angst: verwandelt. Heute beten wir zu ihm: „Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn“ – jetzt und dann.