Predigt

Rumor

Umgang mit einem Konflikt in der ersten Gemeinde

PredigttextApostelgeschichte 6,1-7 (mit Einführung und Empfehlungen zur Liturgie))
Kirche / Ort:Ev. Gemeinde Bergdörfer / Karlsruhe
Datum:30.08.2026
Kirchenjahr:13. Sonntag nach Trinitatis
Autor:Pfarrerin Dr. Maria Götz

Predigttext: Apostelgeschichte 6,1-7 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. 3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. 4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. 5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. 6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. 7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Exegese zur Aposelgeschichte 6,1-7

Apostelgeschichte 6,1-7 erzählt von einem Konflikt in der Jerusalemer Urgemeinde. Bemerkenswert ist zunächst, dass dieser Konflikt gerade im Zusammenhang mit dem Wachstum der Gemeinde entsteht. Lukas berichtet zuvor mehrfach, dass die Zahl an Jüngern stark zunimmt (vgl. Apg 2,41; 2,47; 4,4; 5,14). Die Gemeinde ist also keine gescheiterte Gemeinschaft, sondern eine wachsende und engagierte Gemeinde. Gerade dieses Wachstum bringt jedoch neue Herausforderungen mit sich.

Der konkrete Konflikt betrifft die Versorgung der Witwen. Lukas unterscheidet zwischen den Hebräern und den Hellenisten, den griechischsprachigen Judenchristen. Die Witwen der Hellenisten werden bei der täglichen Versorgung übersehen. Dabei geht es nicht nur um ein organisatorisches Problem: Wer bei der Versorgung übergangen wird, erlebt möglicherweise auch, dass er innerhalb der Gemeinde weniger gesehen und weniger zugehörig ist. Das „Murren“ der Hellenisten ist deshalb Ausdruck eines tatsächlichen Konflikts und wird von den Aposteln ernst genommen.

Die Predigt greift diesen Gedanken auf, indem sie den Konflikt zunächst aus der Perspektive einer einzelnen Witwe erzählt. Eunike ist dabei ausdrücklich eine erfundene, beispielhafte Figur, die stellvertretend für die betroffenen Witwen steht. Anhand ihrer Person wird erfahrbar, was es bedeutet, übersehen zu werden. Zugleich wird deutlich: Der Text erzählt nicht von einer perfekten Gemeinde. Auch die erste Gemeinde kennt Spannungen, Ungerechtigkeiten und organisatorische Grenzen.

Die Reaktion der Apostel ist entscheidend. Sie weisen den Konflikt nicht zurück, sondern erkennen, dass eine neue Form der Verantwortungsverteilung notwendig ist. Ihre eigene Aufgabe sehen sie vor allem in Gebet und Verkündigung des Wortes Gottes. Die Versorgung der Bedürftigen wird deshalb nicht abgewertet, sondern als eigenständige wichtige Aufgabe anderen anvertraut. Die Gemeinde wählt dafür sieben Männer aus, die angesehen, weise und vertrauenswürdig sind. Auffällig ist, dass alle sieben griechische Namen tragen. Das legt nahe, dass gerade die bisher benachteiligte Gruppe stärker in die Verantwortung einbezogen wird, auch wenn Lukas ihre genaue Herkunft nicht ausdrücklich erklärt.

Die Predigt macht daraus den zentralen Gedanken: Der Konflikt wird nicht dadurch gelöst, dass eine Seite gewinnt und die andere schweigt. Verantwortung wird geteilt. Konfliktbewältigung bedeutet hier nicht, dass alle Unterschiede verschwinden, sondern dass Menschen gemeinsam nach einer tragfähigen Lösung suchen und Verantwortung übernehmen.

Von besonderer Bedeutung ist schließlich die Verbindung von praktischem Dienst, Gebet und Verkündigung. Die sieben Männer werden nicht einfach als Organisatoren eingesetzt; die Apostel beten für sie und legen ihnen die Hände auf. Damit wird ihr Dienst in den geistlichen Zusammenhang der Gemeinde gestellt. Die Predigt greift dies auf, wenn sie betont, dass Fürsorge, Zuhören, Organisieren und das Wahrnehmen von Menschen ebenso zum Leben der Gemeinde gehören wie Predigt und Leitung.

Der Schluss der Perikope ist bewusst positiv: Das Wort Gottes breitet sich aus und die Zahl der Jünger wächst. Lukas erzählt damit nicht, dass die Gemeinde nach der Konfliktlösung konfliktfrei geworden wäre. Vielmehr zeigt die Geschichte, dass eine Gemeinde an einem Konflikt wachsen kann, wenn sie hinschaut, Verantwortung teilt und sich im Gebet Gott anvertraut. Genau darin liegt die Botschaft der Predigt im Blick auf heute: Kirche ist nicht dort, wo es keine Konflikte gibt, sondern dort, wo Menschen sich durch Konflikte nicht auseinanderbringen lassen und gemeinsam im Vertrauen auf Gott nach einem Weg suchen.

Leitgedanken zur Predigt

  • Gemeinde kann an Konflikten wachsen
  • Gerechtigkeit beginnt mit Hinsehen
  • Geteilte Verantwortung in der Gemeinde
  • Jeder Mensch wird gebraucht
  • Wachstum durch Veränderung

Lesung

Lukas 10,25-37

Lieder

„Strahlen brechen viele aus einem Licht“ (EG 268)

„Sonne der Gerechtigkeit“ (EG 263)

„So jemand spricht, ich liebe Gott“ (EG 412)

„Brich mit den Hungrigen dein Brot“ (EG 420)

Fürbitten

Gott, wir bitten dich für deine Kirche. Schenke uns offene Augen alle, die übersehen werden, und offene Ohren für die, die sich nicht gehört fühlen.

Gib uns Mut, Konflikte anzusprechen, Weisheit, Verantwortung zu teilen, und Bereitschaft, einander Raum zu geben.

Wir bitten dich für alle, die in unseren Gemeinden Verantwortung tragen, und für Menschen, die sich ausgeschlossen oder nicht zugehörig fühlen. Dass sie erfahren: Du siehst sie, du kennst sie, sie sind willkommen.

Literatur

Pesch, Rudolf, Die Apostelgeschichte, EKK V/1-2, 3. Aufl., Göttingen 2005 u. 2. Aufl., 2013.

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