Tief verwurzelt
Kraft zu lieben, zu vertrauen, zu glauben
| Predigttext | Johannes 15, 1 - 8 |
|---|---|
| Kirche / Ort: | 74834 Elztal- Dallau |
| Datum: | 26.04.2026 |
| Kirchenjahr: | Jubilate (3. Sonntag nach Ostern) |
| Autor: | Pfarrerin i. R. Birgit Lallathin |
Predigttext: Johannes 15, 1 – 8 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)
Jesus spricht: Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner.
Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen, und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.
Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.
Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nicht tun.
Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.
Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch wiederfahren.
Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.
Weinstock und Rebe! Welch ein schönes Bild. An einem harten festen Stamm, knorrig und mit harter Rinde, entwickeln sich in jedem Frühjahr ganz zarte Triebe, die rasch wachsen, sich um den Stamm winden. Bald schon beginnen sich an den Trieben die ersten Blüten zu entwickeln. Wie kleine Weintrauben sehen sie jetzt bereits aus. Ein herrlicher Duft breitet sich aus im Weinberg, die Sonne brennt schon bald auf den zumeist staubtrockenen Boden, hier bei uns am Neckartal leuchtet er zumeist weiß vom Kalkstein. Will die Rebe an das rasch abgeflossene Regenwasser gelangen, muss sie tiefe, sehr tiefe Wurzeln entwickeln. Ich habe mal gehört, dass die Wurzeln der Weinstöcke zu den am tiefsten reichenden gehören, die wir in Deutschland kennen.
I
Machen wir doch einen Spaziergang durch einen unserer Weinberge an einem sonnigen Frühsommertag! Begleiten Sie mich! Ich selber, das sage ich Ihnen gleich, nehme auf diesen Spaziergang mein kleines Enkelkind mit. Ein wenig Phantasie brauche ich noch, mir solch einen Spaziergang in ungefähr 4 oder 5 Jahren vorzustellen, denn mein Enkelkind wird in diesen Tagen gerade einmal ein Jahr alt. Aber vorstellen mag ich es mir heute schon sehr gerne, wie wir in der Zukunft Hand in Hand diesen Spaziergang hoch über dem Neckar mit dem Blick in die weite wunderschöne Landschaft unserer Heimat. Genauso können Sie es ja auch machen, auch, wenn sie kein Kind oder Enkelkind mitnehmen können. Begleiten Sie mich einfach.
Wir sehen einen Winzer bei seiner Arbeit. Ruhig schreitet er Weinstock für Weinstock ab, betrachtet genau Trieb für Trieb. Dann sehe ich, wie der Winzer mit der Rebschere den einen oder andere Trieb abschneidet oder manchen Trieb verkürzt. Einen andren Trieb wickelt er vorsichtig um den Draht, der Weinstock für Weinstock verbindet. Ich weiß, dass auf diese Weise die Trauben später die besten Entwicklungschancenerhalten, die meiste Sonne, Schutz vor der Fäule in Bodennähe. Genauso will ich der Enkeltochter die Arbeit des Winzers erklären, dass er die Reben pflegt und schützt.
Ich erkläre, dass aus den noch winzig kleinen Blüten später die herrlich saftigen und sehr süßen Trauben wachsen werden, die sie so gerne isst. „Der Winzer ist also so etwas wie ein Gärtner? So wie ich, wenn ich mein kleines Blumenbeet daheim pflege? Wo ich die Sonnenblumen eingesät habe?“, fragt sie mich. „Ja, genau“, sage ich. „Genau deshalb nennt man den Winzer auch „Weingärtner“, erwidere ich. „Auch du kannst ja in den Sonnenblumenkernen noch nicht die wunderschöne Blume erkennen. Du musst auch noch einige Wochen warten und ausreichend gießen, bis du sie sehen kannst. Genauso schaut der Weingärtner sich die Triebe, Blüten und Blätter an, beobachtet ihr Wachstum und freut sich später auf die Trauben am Ende des Sommers.“ „Ich mag gerne Trauben“, erwidert sie noch, und wir spazieren weiter.
II
Mit meinen tiefgründigen Gedanken über die biblische Bedeutung des Jesuswortes, seine Bedeutung für unseren Glauben, so denke ich mir, werde ich bald mit ihr in kindgemäßer Form reden wollen. Dass Jesus sich selbst als den Weinstock sieht, Gottvater als den Weingärtner und wir die Menschen, die Jesus, unserem Bruder folgen. Was das für uns bedeutet, wie eng unser Leben mit Jesus und Gott, dem Schöpfer verbunden ist, dass er uns die Kraft zu lieben, zu vertrauen, zu glauben gibt.
Alles, was wir im Glauben und im Vertrauen tun, ob wir betend arbeiten oder arbeitend beten, ob uns bewusst ist, dass wir zu Jesus gehören oder ob er uns auch mal fremdgeworden ist: Wir gehören zusammen! All unsere Kraft kommt aus ihm. Ohne ihn können wir nichts tun. Vergessen wir vollständig, woher unsere Kraft stammt, dann kann es ja sein, dass wir in blindem Aktionismus verfallen. Es kann auch sein, dass wir vor der Größe mancher Aufgabe fast verzweifeln, die Nöte der Welt, die uns umgibt, sind so viel größer als meine kleine Kraft, ja, so denken wir oft. Ich weiß. Mit diesen Gedanken im Kopf gehe ich weiter, die Kleine stapft fröhlich neben mir her, freut sich an Blumen und dem Gesang der Vögel.
„Oma,“ so beginnt sie wieder, „neulich war ich doch mit dir in der Kirche, und dort hing ein grüner Teppich vor dem großen Tisch“. „Du meinst den Altar? Davor hängt immer ein buntes Tuch, wir nennen das Parament, je nachdem, welche Jahreszeit in der Kirche wir gerade haben“. erwidere ich. „Ja, und darauf waren große dunkelblaue Trauben abgebildet; so, wie ich sie gerne esse. Haben Trauben und Weinberge auch etwas mit der Kirche zu tun?“
Ganz schön helle, meine Kleine, denke ich. Dann reden wir darüber, dass Jesus immer wieder Bilder in seinen Erzählungen benutzt hat, die die Menschen aus ihrem Alltag kennen. So verdeutlicht er an manchmal ganz einfachen Gegenständen, woran wir glauben und warum. Jesus war ein Mann, der den Alltag seiner Anhängerinnen und Anhänger sehr genau kannte. Deshalb bleiben seine Reden im Gedächtnis der Zuhörenden so gut haften. Bis heute! Deshalb führen seine Reden auch wieder in unseren Alltag hinein und inspirieren unseren Glauben.
III
Mehr noch als meiner Enkelin geht mir die andere Seite des Anspruchs Jesu an uns durch den Kopf. Es gibt auch eine negative Seite, die er nicht verschweigt: So wie der Weingärtner die überflüssigen Triebe abschneidet, die, welche keine Frucht bringen werden, so sollen auch wir Rechenschaft ablegen über die Frucht unseres Glaubens, und das wird hart jetzt! Denn wenn ich mir nur allein die Aufgaben in der Kirche anschaue, die mir wichtig sind, dann sehe ich einen riesigen Berg vor mir: die Nöte zum Beispiel der kirchlichen Sozialarbeit, der Diakonie, die große Zahl der Einsamenie wachsende Armut bis zur Obdachlosigkeit!, die Menschen, die Orientierung suchen in einer unübersichtlichen Welt. Lieber Herr Jesus, so lautet mein Stoßgebet: Wie soll ich das denn schaffen? Hast Du Dir für Deine Kirche nicht doch die falschen Leute ausgesucht? Wir sind zu schwach, zu fehlerhaft, zu leicht zu erschüttern... - Das sage ich meiner Enkelin natürlich nicht, die fröhlich ihr Gesicht der Sonne entgegenstreckt und singt. Dann muss ich stehen bleiben. Punkt!
Ganz plötzlich kommt mir die Erkenntnis, die mich trifft wie ein Blitz: Das ist es: Die Kleine hat die nötige Gelassenheit, die Freude am Gestalten, am Wachsenlassen. Sie vertraut, dass alles gut wird. Sie macht sich „keinen Kopf“, wie man so sagt. Oh, wir blöden Erwachsenen!, denke ich. Hat nicht auch Jesus uns schon beigebracht, dass wir werden sollen wie die Kinder? So einfach und klar im Vertrauen, voller Zuversicht? So sollen auch wir leben und glauben, im Vertrauen, dass nicht wir alles schaffen müssen, nicht wir allein die Verantwortung für das Gelingen tragen, was wir im Glauben tun.
Gott erwartet von uns keine Höchstleistungen, die er dann abhaken kann und wenn nicht, würde er uns „feuern“. Ich weiß, dass diese Vorstellung vom christlichen Glauben auch noch in mir schlummert. Irgendwann in früheren Zeiten wurde mir beigebracht, dass Gott streng über uns wacht, uns richtet. Die Aussage über den Weingärtner, der schlechte Triebe verwirft, hat mich wieder auf diesen Irrweg geführt. Falsch verstanden, Jesus meint das doch gar nicht. Es geht darum, ob wir in dem, was wir tun, mit Jesus verbunden bleiben. „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren“, so steht es in der Bibel.
Mit Jesus darf ich auch Fehler machen, darf ich versagen, kann ich bekennen, was Mist war und ist in meinem Leben. Oh, buchstäblich, Mist gibt es, ganz ordentlich sogar. Jesus kann ich das sagen. Mit ihm bin ich so engverbunden wie der Weinstock mit den Trieben, den Blättern, den Reben, der Frucht. Durch Jesus erhalte ich die Kraft, nicht durch mich. Der Irrweg ist, alles selbst machen zu wollen. Das kann kaum gutgehen.
Ich habe den Eindruck, meine Enkelin hat das bereits verstanden, so vertrauensvoll wie sie an meiner Seite mit mir geht. Die nächste und die übernächste Generation von Menschen können so vertrauensvoll in die uralten Worte, den erproben Glauben hineinwachsen wie Generationen von Christinnen und Christen vor uns.
„Du, hör mal, meine Liebe“, sage ich beim Weitergehen zu ihr. „Kennst du die Geschichte vom Pferd und dem Mist?, das ist eine ganz, ganz alte Geschichte, vor vielen hundert Jahren schon hat ein Pfarrer, Johannes Tauler - er lebte von 1300 bis 1361 in Straßburg -, den Menschen davon erzählt: „Das Pferd macht den Mist im Stall. Und obgleich der Mist einen Unflat und Stank an sich hat, so zieht dasselbe Pferd doch den Mist mit großer Mühe auf das Feld, und daraus wächst dann sodann schöner Weizen und der edle süße Wein, der niemals wüchse, wäre der Mist nicht da. Also trage deinen Mist - das sind deine Gebrechen, die du nicht abtun, ablegen oder überwinden kannst – mit Mühe und mit Fleiß auf den Acker des liebreichen Willens Gottes in rechter Gelassenheit deiner selbst. Es wächst ohne allen Zweifel in einer demütigen Gelassenheit köstliche, wohlschmeckende Frucht daraus“.
Gebet (nach Ulrich Haag)
Gott, wir bitten dich für die Menschen, die aus unserer Gesellschaft herausgeschnitten werden wie Reben aus einem Rebstock: Arbeitslose, Obdachlose, Asylsuchend, Kranke, Menschen, die gescheitert sind und Menschen, die nicht mehr können.
Wir bitten dich für unser Land, dass es uns gelingt, es zu einem blühenden Gemeinwesen zu machen, in dem ausnahmslos jeder Frucht bringen kann, wie an einem überreichen Weinstock.
Wir bitten dich für unsere Kirche, dass du sie reinigst, damit sie Frucht bringt, aber wir bitten auch, dass du barmherzig mit ihr verfährst.