„Ausreißen und einreißen, zerstören und verderben und bauen und pflanzen“. Mitdem Mund, mit Worten einreißen und neu bauen. Was für ein Auftrag! Kein Wunder, dass Jeremia sagt: „Ich bin zu jung“. Für diesen Auftrag ist ein Mensch auch mit siebzig Jahren noch zu jung. Ich fange darum noch einmal an, anderswo scheinbar.
I
Es gibt zu viel Information. Die Eindrücke legen sich über unsere Augen, die Ohren, auf Nase, Mund und Haut. Alle unsere Sinne werden ununterbrochen bombardiert. Die Masse unserer Wahrnehmungen droht uns zu überwältigen. Deshalb müssen wir zeitweilig abschalten. Wir sehen nicht alles, was es zu sehen gibt, wir hören nicht alles, was hörbar wäre. Aus dem Lärm einer überfüllten Straße hört ein Kind die Glocke des Eiswagens heraus, die Mutter das Weinen ihres Kindes. Der Rest wird herausgefiltert.
In unserem Körper, im Gehirn, in unseren Nervenzellen gehen ununterbrochen Millionen von Botschaften, von Informationen hin und her. Sie steuern unseren Atem, unseren Herzschlag, die Arbeit unseres Darms, unsere Leber, der Nieren. Sie steuern auch unser Denken. Würden wir uns jemals nur eines Teiles davon bewusst werden, wir könnten es nicht aushalten. Wir würden taub werden vom Dröhnen der Nachrichten, würden ertrinken in der ununterbrochenen Beanspruchung unserer Aufmerksamkeit. Wir können nur überleben, weil unsere Informationsaufnahme selektiv arbeitet, weil wir nicht alles registrieren, bemerken, weil wir auswählen. Wir wachen nachts nicht auf, wenn ein Schaf im Pferch leise blökt oder der Kühlschrank in der Speisekammer summt. Wenn aber die Feuersirene schallt, dann erwachen wir.
Ein ganzer Wirtschaftszweig kämpft um unsere Aufmerksamkeit. Die Werbung arbeitet mit bunten Bildern, eingängiger Musik, schmeichelhaften Worten. Sie gebraucht Sirenensignale, um zu uns durchzudringen. Und wieder müssen wir auswählen. Wir können nicht alles kaufen, was uns aufgedrängt wird. Das ununterbrochene Auswählen ist anstrengend. Wir können müde werden nur vom Nichthören, Nichtsehen, Nichtreagieren. Mir reicht eine Viertelstunde auf dem Hauptbahnhof in Nürnberg, dann suche ich nach einer ruhigen Ecke. Zugleich ist diese Ermüdung eine große Gefahr. Oft genug blenden wir auch das aus, was wir unbedingt bemerken müssten. Der Klang des Motors beim Fahren hat sich verändert. Aber du fährst weiter, bis die Kolben zu heiß werden und der Wagen stehenbleibt. Die Kritik an den Politikern gehört zum Alltag unsers Landes. Wir hören nicht hin, auch wenn sich der Ton der Kritik verändert. Bis einer von dem Bild Angela Merkels im Bode-Museum in Berlin öffentlich sagt: „Angela Merkel steht auf diesem Bild, weil sie weiß, dass sie bald sitzen wird. Später wird sie aufgehängt“. Manche merken auch dann noch nicht auf, finden es momentan lustig und vergessen es wieder.
Der Alltag soll weitergehen. Wir filtern die Nachrichten: die Nachrichten unseres Körpers und unserer Seele, die Nachrichten in der Zeitung und im Radio. Wir filtern natürlich auch in der Kirche. „Was hat die Pfarrerin heute gesagt?“ – „Nun ja, sie hat gepredigt. Man kann sich ja nicht alles merken. ‚Wie es war im Anfang‘, hat sie bestimmt gesagt und ‚Lasst uns beten‘.“ Wenn dann eine Nachricht kommt oder eine Predigt, die wir einfach nicht überhören können, dann ist Ärger über die Störung die erste Reaktion, manchmal sogar die blanke Wut.
Es ist diesem Spiel des Ausblendens wenig Raum für Unvorhergesehenes. Ein Virus im Körper, eine Frage, die den einzelnen nicht ruhen lässt, ein Prophet, der die fette Selbstzufriedenheit der Mächtigen nicht hinnimmt – sie alle sind gefährlich. Solange die Störungen bloß jucken, kann man sie noch ertragen, ignorieren oder einfach wegerklären. Aber wenn man sie nicht mehr überhören kann, dann werden sie gefährlich. Dann halten sie den Betrieb auf. Die Worte der Propheten werden zensiert, die Propheten selbst unter Hausarrest gestellt, ins Gefängnis geworfen oder umgebracht. Der Alltag geht weiter. Damit sind wir wieder bei Jeremia.
II
Jeremia ist seinem Auftrag gefolgt, und es ist ihm geschehen, was Propheten oft widerfährt. Es steht geschrieben: „Da nun Jeremia alles gesagt hatte, was ihm der HERR befohlen hatte, allem Volk zu sagen, ergriffen ihn die Priester und Propheten“ – es gibt andere Propheten, bravere, regierungstreuere Propheten; es ergriffen ihn also die Priester und Propheten „und das ganze Volk und sprachen: Du musst sterben!“(Jeremia 26,8) Schließlich werfen sie Jeremia in eine Zisterne. Sie lassen ihn an Seilen hinab, unten ist kein Wasser, nur Schlamm, in dem der Prophet versinkt. Dort unten wäre Jeremia verhungert, wenn nicht ein Beamter des Königs, ein Ausländer aus Kusch (Kusch ist da, wo heute der Sudan ist) hingegangen wäre. Es heißt, dieser Ebed-Melech, dieser dunkelhäutige Diener des Königs, habe alte Lumpen aus der Schatzkammer des Königs geholt und habe drei Mann mitgenommen und zuerst die Lumpen zu Jeremia hinabgelassen. Dann rief er hinunter: „Lege diese zerrissenen alten Lumpen unter deine Achseln und um die Stricke“. Dann zogensie Jeremia„an den Stricken herauf und holten ihn aus der Zisterne“. (Jeremia 38,12-13)
Womit hat Jeremia den Betrieb im Königreich Juda gestört? Ein Beispiel ist die massive Störung des Tempelbetriebs und der täglichen Gottesdienste. Jeremia tritt unter das Tor des Tempels in Jerusalem und ruft: „Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel“. (Jeremia 7,4) Eine solche Störung würde auch in den Kirchen von Obersulzbach und Berglein als Ärgernis wirken. Geschähe es am Sonntagmorgen in der Lorenzkirche in Nürnberg, würde vermutlich die Polizei gerufen und der Störer würde abgeführt.
Es gibt eine Geschichte vom Heiligen Abend 1967. Da standen Studenten und Studentinnen vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin und hielten den Besuchern Plakate hin, die „von dem Grauen in Vietnam eine Vorstellung gaben. Dann sind vor dem Gottesdienst ein paar Studierende hineingegangen und wollten … der Gemeinde ein paar erklärende Worte sagen“ (Helmut Gollwitzer). Gemeindeglieder prügelten mit Stöcken und Regenschirmen auf die Störer ein, so dass am Ende einer blutüberströmt war.
In Jerusalem ist die Lage noch weitaus sensibler. Die Gedächtniskirche ist nur eine von Hunderten Kirchen in Berlin. In Jerusalem aber sind die Worte „hekal adonaj“ / „der Tempel Gottes“ eine Art Lebensversicherung der Stadt und des Königreichs Juda. Denn der Tempel war der Ort der Gegenwart Gottes. Gott würde diesen Tempel, diese Stadt und das Land auch in bedrohlicher Lage nicht den Feinden preisgeben. Das war die offizielle Lehre, das Dogma. Darauf verließen sich alle: der König, die Priester und die einfachen Leute, das „Volk“, wie es hier heißt. Umso ärgerlicher wirken die Worte Jeremias. Sie sind erstens eine Ungehörigkeit, man stört doch einen Gottesdienst nicht. Nebenbei bemerkt: Jeremia stammt selbst aus einer Priesterfamilie, die im nahegelegenen Anatot lebt. Er hätte doch wissen müssen, was sich gehört. Zum anderen aber, und das ist noch viel wichtiger: Jeremias Worte sind eine Art Hochverrat. Er untergräbt mit seiner Botschaft das Vertrauen des Volkes in die Regierung und das Vertrauen der Regierung in die Sicherheit des Landes. Diese Botschaft ist so gefährlich, weil sie sich nicht überhören, weil sie sich auch mit aller Kraft nicht ausblenden lässt. Und warum das alles?
Jeremia sagt: Es gibt etwas, das weitaus wichtiger ist als der Tempel und der Gottesdienst. Verlasst euch nicht auf den Tempel, „macht vielmehr eure Wege besser und eure Taten. Wenn ihr wirklich Recht schafft untereinander und den Fremden, die Waise und die Witwe nicht unterdrückt – und kein unschuldiges Blut an dieser Stätte vergießt“ (Jeremia 7,5 nach der Zürcher Bibel), dann wird Gott euch eine Zukunft in diesem Land geben. Fromme Gefühle, Kirche, Gottesdienst, Musik sind gut. Aber niemals werden sie ein Ersatz sein für soziale Gerechtigkeit.
III
Es ist schade, und es ist zugleich verständlich, wenn Menschen auf eine solche Botschaft wütend reagieren. Solche Worte reißen sie heraus aus ihren Gewohnheiten, auch aus ihren religiösen Gewohnheiten. Manchmal braucht es eine laute Botschaft, einen Donnerschlag oder eine Sirene, dass Menschen aufwachen. Deshalb gibt es immer wieder neue Propheten, Männer und Frauen, die im Tumult der Welt den Schmerzensschrei der Unterdrückten wahrnehmen, Männer und Frauen, die Gewohntes ausreißen und Neues pflanzen.Weil die Propheten hören und sehen, was andere nicht sehen oder hören können, deshalb ist ihr Kampf oft einsam. Wir aber danken Gott, dass er Propheten und Prophetinnen sendet, die unsere vom Lärm der Welt tauben Ohren öffnen.