„Wann ist es denn soweit?“...
Wunsch nach Planbarkeit
| Predigttext | 1. Thessalonicher 5, 1-6 (mit Einführung) |
|---|---|
| Kirche / Ort: | Karlsruhe |
| Datum: | 08.11.2026 |
| Kirchenjahr: | Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr |
| Autor: | Pfarrin Kira Busch-Wagner |
Predigttext: 1. Thessalonicher 5, 1-6 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)
1 Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.'4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.
Einführung
Merkwürdigerweise widmen Predigtimpulse und -meditationen vor allem dem Bild vom Dieb in der Nacht – möglicherweise wegen der Parallele Matth 24, 43. Seltener wird die Situation der Geburt beleuchtet. Ob es dazu auch nur zwei oder drei Kirchenlieder gibt? Dabei ist gerade die Geburt für einen ansehnlichen Teil der Gemeinde biographische Erfahrung. Und gerade hinsichtlich Geburt sind Planbarkeit und Nichtplanbarkeit beziehungsweise die Bereitschaft, nicht zu planen, also geschehen zu lassen wichtige Diskursthemen.
So scheint etwa die Kaiserschnittquote weit über die medizinische Notwendigkeit hinausgewachsen zu sein, wenn sie in manchen Ländern an und über die 50% aller Geburten reicht. Und insbesondere medizinische ausgebildete Frauen über Fertilisation und Geburtstermine selbstverständlich entscheiden. Es entspricht dem Bild des autonomen Menschen, nicht nur Partnerwahl, Beruf, Familienplanung oder Behandlung von Krankheiten zu Themen der eigenen Entscheidung zu machen, sondern auch Schwangerschaften, Geburtstermine und den eigenen Tod.
Doch je populärer und je selbstverständlicher die eigenen Entscheidungen werden auch in Bereichen, die früher dem Zufall, dem Glück oder Unglück, also dem Ge-schick (!) überlassen waren oder überlassen werden mussten, so entstehen doch immer wieder Lebenssituationen, die die Fragilität des eigenen Lebens vor Augen führen. Ob man dem angesichts der alltäglichen Autonomie ungeschützter und unbedarfter, ungeübter gegenübersteht, darf gefragt werden.
Die endgültige Gegenwart Gottes versteht Paulus als letzte und höchste Verunsicherung menschlichen Daseins. Insofern gerade das Bild der Geburt die Ambiguität zwischen Verzweiflung und Hoffnung in sich trägt, greift Paulus biblisch geschult auf die lange Tradition von der Lebensgefahr der Gebärenden und Gottes Begleitung zur Hoffnung zurück.
Literarische Querverweise
Wer literarisch ein bisschen schmökern möchte: In Margaret Mitchells Roman (1936) „Vom Winde verweht“ muss die Titelheldin unter Kriegsbedingungen – Atlanta wird von den Konföderierten eingenommen - ihrer zarten Cousine Melanie bei deren schweren Geburt beistehen.
Die „Wehen des Messias“ zitiert der Refrain eines Lied von Naomi Shemer(Kaascher ani holech … ; Wenn ich gehe …) – der Refrain lässt sich auch sehr einfach einüben und singen.
Liedempfehlungen
154, 1,3,4 Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt … 51, 1,2,4 Also liebt Gott die arge Welt … 6, 2.3.5 Der jüngste Tag ist nun nicht fern … 152 Wir warten dein, o Gottes Sohn 153 Der Himmel, der ist …
Aus dem badischen Anhang:
641 Weiß ich den Weg auch nicht … 642 Manchmal kennen wir Gottes Willen … 643 Fürchte dich nicht … 644 Meine Zeit steht in deinen Händen
Literaturhinweis
Peter Wick, Schmerz bei Paulus. Andeutungen und Auslassungen. https://www.researchgate.net/publication/357461395_Schmerz_bei_Paulus_Andeutungen_und_Auslassungen. Aufgerufen am 2.11.2026, 17.36 Uhr.