Als Kind liebte ich ein Lied, das viele von Ihnen kennen: „Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Weißt du, wie viel Wolken ziehen weithin über alle Welt? Gott, der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl, an der ganzen großen Zahl“. Dieses Lied gab mir ein Gefühl der Geborgenheit. Ich fühlte, dass der große Gott mich nicht übersieht. Er kennt nicht nur die Sterne, sondern auch mich, den kleinen Menschen, und passt auf mich auf. Dieses Vertrauen war damals ganz selbstverständlich: Gott ist groß. Und er ist gut. Und er kennt mich. Unser Predigttext beginnt mit einem ähnlichen Bild: „Hebt eure Augen in die Höhe und seht: Wer hat all dies geschaffen?“ Hören wir einmal hinein in das Gespräch, das Jesaja mit den müden und erschöpften, zweifelnden Israeliten führt.
(Lesung des Predigttextes, Jesaja 40,26-31)
I
Jesaja lädt sein Volk ein, den Sternenhimmel zu betrachten nicht nur als romantische Kulisse, sondern als Zeichen. Hinter dieser unfassbaren Weite steht Gott. Einer, der die Sterne ruft, sie zählt und ihnen ihren Platz gibt. Dieser Gott, schreibt Jesaja, übersieht keinen einzigen. Er verliert keinen Stern und keinen Menschen.
Doch von diesem kindlichen Staunen unter dem Sternenhimmel ist es nur ein kleiner Schritt zu einer ganz anderen Erfahrung: zu dem Gefühl, dass dieser große Gott zwar die Sterne lenkt, aber mich und meinen Weg vielleicht längst aus den Augen verloren hat. Manchmal geht uns dieses vertrauende Staunen verloren. Wir kennen die alten Lieder, wir kennen die Geschichten, aber unsere aktuellen Erfahrungen scheinen allem zu widersprechen, was wir über Gott gehört haben.
So ging es auch den Israeliten damals. Sie hatten allen Grund, sich von Gott vergessen zu fühlen. Hinter ihnen lag der gewaltsame Marsch ins Exil, Jerusalem zerstört, der Tempel, ihr sichtbares Zeichen für Gottes Nähe, in Trümmern, ihr altes Leben in Scherben. Viele hatten Angehörige verloren, Häuser, Felder, ihren Beruf; alles, worauf sie ihr Leben gebaut hatten, war weg. Nun saßen sie in einer fremden Großstadt, umgeben von fremden Göttern und Symbolen von Macht, eine Sprache im Ohr, die nicht ihre eigene war, nur noch ein kleines, unbedeutendes Volk im Schatten eines riesigen Reiches. Tag für Tag erlebten sie: Andere bestimmen über unser Leben, unser Schicksal scheint in fremden Händen zu liegen. In so einer Situation klingt die alte Zusage „Gott gibt dir für dein Leben Kraft“ nicht mehr wie eine starke Verheißung, sondern eher wie eine schöne Erinnerung aus längst vergangenen Tagen.
Deshalb denken die Israeliten: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber.“ Übersetzt könnte das heißen: Gott sieht mich nicht. Was ich durchmache, interessiert ihn offenbar nicht. Wenn er da wäre, würde es doch anders aussehen. Ihre Erfahrungen schienen stärker zu sprechen als alle Verheißungen: Zu viel ist kaputt, zu lange ändert sich nichts, zu groß ist die Ohnmacht.
II
Wenn wir ehrlich sind, sind wir von diesen Menschen damals gar nicht so weit weg. Viele heute werden müde und matt, nicht nur körperlich. Da ist der ständige Druck: in der Schule, in der Ausbildung, im Studium, im Job. Erwartungen von außen, Erwartungen an sich selbst. Immer erreichbar, immer funktionieren, bloß keine Schwäche zeigen. Da sind Menschen, die nebenher Angehörige pflegen, Verantwortung in der Familie tragen, Krisen im Hintergrund managen, und der Akku ist schon lange im roten Bereich. Andere kämpfen gegen etwas, das man von außen kaum sieht: eine Depression, Angst, eine chronische Krankheit, innere Leere. Nach außen wirkt Vieles normal, aber innen ist es dunkel und schwer.
In solchen Situationen entsteht schnell der Gedanke: „Wenn Gott mich wirklich sehen würde, müsste doch irgendetwas anders sein“. Man glaubt noch irgendwie, aber das Vertrauen ist müde geworden. Die Worte vom fürsorglichen Gott klingen schön, aber manchmal auch ziemlich weit weg vom eigenen Alltag. Genau in diese Mischung aus Müdigkeit und Zweifel hinein spricht Jesaja. Mitten in die Klage „Mein Weg ist dem Herrn verborgen“ stellt er die Gegenfrage: „Warum sagst du das? Weißt du es nicht? Hast du nicht gehört?“ Auf den ersten Blick klingt das fast wie ein Vorwurf. Aber man kann es auch anders hören: wie ein liebevolles Erinnern. Wie wenn jemand, der dich gut kennt, sagt: „Hast du vergessen, wer dein Gott ist und was du mit ihm schon erlebt hast?“ In dieser Frage steckt eine Einladung:
Schau nicht nur auf das, was jetzt schwer ist. Schau auch zurück. Erinnere dich an Situationen, in denen du schon einmal dachtest: „Das schaffe ich nicht“. Trotzdem bist du durchgekommen. Vielleicht waren da schwere Zeiten, durch die du irgendwie hindurchgeführt wurdest. Menschen, die plötzlich an deiner Seite waren. Entscheidungen, die sich im Rückblick als gut herausgestellt haben. Innere Kraft, die du dir damals selbst gar nicht zugetraut hättest. Wenn wir solche Momente bewusst ins Gedächtnis rufen, geschieht etwas: Die Erinnerung wird zur Kraftquelle. Wir merken: Ich war schon in Stürmen, und ich bin noch da. Der Gott, der mich damals nicht losgelassen hat, ist heute nicht plötzlich verschwunden.
Das ist ein wichtiger Schritt zu einer inneren Krisenfestigkeit im Glauben. Es bedeutet nicht, dass Probleme klein geredet werden. Es bedeutet auch nicht, dass man immer sofort ein Happy End sieht. Aber es wächst ein anderes Grundvertrauen: Ich bin dieser neuen Krise nicht zum ersten Mal ausgeliefert, und ich bin ihr nicht allein ausgeliefert. Der Gott, der mich durch frühere Dunkelheiten getragen hat, ist auch jetzt der gleiche.
III
Jesaja fasst diese Zusage in starke Bilder: „Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn hoffen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden“. Er sagt damit: Selbst die, die eigentlich auf dem Höhepunkt ihrer Kraft sein sollten, kommen an ihre Grenzen. Das ist normal. Aber Gott verspricht eine Kraft, die nicht aus uns selbst kommt. Eine Kraft, die ansetzt, wo wir nicht mehr können. Wie sieht das konkret aus? Manchmal so unscheinbar, dass man fast daran vorbeigeht. Wie zum Beispiel bei Reinhard. Heute ist Reinhard ein Mitglied im Blauen Kreuz der Evangelischen Kirche. Aber das war nicht immer so.
Reinhard wächst mit einem schweren Start ins Leben auf. Sein Vater stirbt früh, die Mutter ist überfordert, er fühlt sich oft allein und lernt schon als Jugendlicher, seine Einsamkeit und seine Unsicherheit mit Alkohol zu betäuben. In der Lehrzeit geht es weiter: Trinken gehört dazu, es scheint zu helfen, durchzuhalten und dazuzugehören. Später zieht er nach München, dort findet er viel Freiheit, viele Möglichkeiten, ein Leben in „bunten Farben“, wie er es sich erträumt hat. Aber je mehr er arbeitet und je mehr er trinkt, desto leerer wird es innerlich. Der Alkohol wird vom Begleiter zum Bestimmer. Mit der Zeit verliert Reinhard immer mehr: Beziehungen brechen, Arbeit geht verloren, schließlich auch die Wohnung. Er rutscht ab, landet ganz unten, ohne Halt, ohne Perspektive. Er merkt: Ich bin am Ende. Keine Kraft, kein Plan, keine Hoffnung mehr.
Gerade dort, in diesem ganz Unten, beginnt für Reinhard ein neuer Weg. Reinhard spürt zum ersten Mal wieder einen Willen zum Leben und lässt sich helfen. Er macht eine Entwöhnungstherapie, kommt in eine Wohngemeinschaft, lernt neu, Alltag zu strukturieren, Verantwortung zu übernehmen, nüchtern zu bleiben. Als er später einen Rückfall erlebt, ist der Unterschied zu früher: Er bleibt nicht allein.
Reinhard sucht sich schnell Hilfe und findet das Blaue Kreuz. Das Blaue Kreuz ist eine Gruppe in der Evangelischen Kirche, die von sich selbst sagt: Wir lassen keinen allein. Wir unterstützen Menschen, die von Sucht betroffen sind. Wir wollen, dass sie eine neue Perspektive für ihr Leben erhalten. Dort hört er beim ersten Besuch den Satz: „Schön, dass du da bist“. Er erlebt Gemeinschaft, Annahme, Menschen, die seine Geschichte kennen und ihn trotzdem nicht fallen lassen. Im Laufe der Zeit findet er zurück zum Glauben und erkennt: Gott hat ihn auf diesem weiten, schmerzhaften Weg nie aus dem Blick verloren. Genau so beschreibt Jesaja Gottes Handeln:
Gott nimmt nicht immer auf einmal alle Probleme weg. Aber er gibt Kraft, oft durch andere, die uns stützen, wenn unsere eigenen Reserven am Ende sind. Gott schenkt Schritte, manchmal nur den einen nächsten. Allen, die sich müde, ausgelaugt, innerlich leer fühlen, allen, deren Kraftreserven längst aufgebraucht sind, allen, die sich fragen: „Wie lange halte ich das noch durch?“ gilt diese Einladung: „Gott gibt dem Müden Kraft“.
Blicken wir noch einmal zurück zu der kindlichen Erinnerung an das Lied „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“. Kinder glauben oft ganz selbstverständlich: Gott kennt jeden Stern, und er kennt auch mich. Sie kennen die Brüche und Krisen des Lebens noch nicht; es ist ein kindlicher, schöner Glaube. Später im Leben sieht der Himmel oft anders aus. Da kommen die Nächte, in denen Gott weit weg scheint, Situationen, in denen man sich eher wie die Israeliten im Exil fühlt: müde, ratlos, mit der Frage: „Siehst du mich überhaupt?“
Und doch gibt es im Rückblick Erfahrungen, in denen deutlich wird: Wir waren nicht allein. Da war eine Kraft, die größer war als unsere eigene, da waren Menschen, die getragen haben, Türen, die sich geöffnet haben, Trost, der nicht aus uns selbst kam. So kann das alte Lied im Herzen klingen, nicht mehr nur wie ein Kinderlied, sondern wie ein erprobtes Bekenntnis: Ja, es gibt Dunkelheit, aber es gibt auch den, der die Sterne ruft und uns durch manche Nacht hindurchgetragen hat. Der Gott, der die Sterne beim Namen kennt, kennt auch unseren Namen und schenkt uns Kraft.