Sie kennen das: ein schöner Waldparkplatz in wunderbarer Landschaft. Eine gute Ausschilderung, die zeigt: Von hier aus kann man verschiedene Wege gehen. Der eine führt vielleicht mehr über die Aussichtspunkte, der andere, ein bisschen schwieriger, kommt aber an fast unbekannten Ecken vorbei, an einigen historischen Grenzsteinen und einem besonderen Mahnmal. Ähnlich der Israelsonntag heute. Man kann den Israelsonntag begehen mit einem Gottesdienst, der sich ausdrücklich um die vielen Zusammenhänge kümmert zwischen der Juden- und der Christenheit, zwischen Israel und der Kirche. Oder man kann sich in Liturgie und Auslegung dem Gedenktag der Zerstörung des Tempels von Jerusalems widmen, wozu das violette Parament aufgelegt wird.
Grenzstein Babel – ein Ausblick auf die Geschichte
In diesem Jahr habe ich mich für die zweite Strecke entschieden, schwieriger, also „anspruchsvoll“, mit Grenzsteinen und Mahnmal, für das Gedenken der Zerstörung. Die ersten beiden Wegmarken haben wir schon passiert, mit dem 74. Psalm nämlich, dann mit der Lesung. Wie ein modernes Geschichtsbuch referiert die Bibel gleich an zwei verschiedenen Stellen, beim Propheten Jeremia (Kap 52) und im zweiten Buch der Könige (Kap 25) die Niederlage des kleinen Staates Juda, die Zerstörung seines Tempels in Jerusalem und wie die Bevölkerung ins Exil deportiert wird, um die Leute umzubringen oder eben, um ihr Können, ihre Qualifikationen in Babylon abzuschöpfen.
Das Ende des Tempels hätte tatsächlich nicht nur das Ende des Kleinstaates Juda sein können, sondern damit auch das Ende der Religion, die sich an diesen Tempel hielt. Es hätte das Ende seines außergewöhnlichen monotheistischen Gottesbildes sein können, samt seiner etwas widersprüchlichen politischen Kultur mit all den Anteilen an Macht- und Königskritik. Es hätte das Ende sein können seiner religiösen Verantwortung mit ihrem Gerechtigkeitssinn und sozialem Einsatz gemäß den Weisungen dieses einen und einzigen Gottes. Das wäre völlig normal gewesen. Erstaunlicherweise aber sind die paar Leute aus Juda, diese Judäer, diese Juden mit ihrer eigenartigen Religion nicht von der Bildfläche verschwunden – trotz Tempelzerstörung und trotz politischer Bedeutungslosigkeit.
Grenzstein Babel – von hier aus weiter
Stattdessen blieben diese Judaleute bei ihrem Gott. Verehrten ihn ohne Tempel, verlegten nur ihre religiösen Vollzüge in die Familie, in Versammlungen und Gebetsgemeinschaften. Sie verwendeten viel Energie darauf, im Exil ihre religiösen Überlieferungen noch einmal neu zu bedenken. Für den politischen Niedergang nahm man die Verantwortung auf sich, auf die eigenen Leute, wälzte sie nicht auf Gott ab, säkularisierte damit die Politik. Religiös Kundige und Interessierte setzen sich mit ihrer neuen heidnischen Umgebung auseinander. Man unterschied zwischen den Menschen und deren Religion dort in Babel.
Auch den Feind galt es anzunehmen. Selbst Babylon wollte man in den Anliegen bürgerlichen Lebens unterstützen. „Suchet der Stadt Bestes“, fordert der Prophet Jeremia auf (Jer 29,7). Aber von der Religion wollte man sich deutlich absetzen. Auf keinen Fall waren die Sterne, Sonne und Mond als furchteinflößende Götter anzuerkennen, so überlegten die ehemaligen Priester. Mochten sie den Menschen als Beleuchtungskörper dienen. Hätten sie irgendwelchen Einfluss, dann schütze der eine und einzige Gott davor (Psalm 121, 5-6: „IHWH behütet. Am Tag wird dir die Sonne nicht schaden, noch der Mond des Nachts“).
Mit allen Gottes- und Schriftgelehrten hielt man am eigenen Gottesglauben fest, am Gott der Väter, dem einen und einzigen Gott, und an dessen Weisung und Gebot. Man hielt an den Feiertagen fest, besonders am Schabbat; an familiär vollziehbarer religiöser Praxis: an der Beschneidung der männlichen Kinder und an Regeln hinsichtlich der Speisen. Man organisierte sich in neuen sozialen Strukturen, ohne König, ohne Hofbeamte, ohne Opfer in einem Tempel. Und es funktionierte.
Diese Gemeinschaft aus Juda überlebte als Gruppe, als Volk, als „Israel“, als Religion. Sogar als viele später ins Land der Väter zurückkehrten, blieben welche in Babel, arbeiteten weiter an ihrer Theologie, wie in einer Universität. Ein paar Jahrhunderte später entstand daraus der babylonische Talmud. Die Prägung im Exil und das Leben in Babylon blieben so lebendig, dass Vieles, was man dort sich geschaffen hatte, später nicht mehr weg zu denken war: die Synagogen, die Wertigkeit der Feiertage, der Familie, die Diskussion um das Gotteswort.
Die Erfahrungen der Exilszeit halfen, die Entweihung des neuen Tempels (167 v. d. Z) bewältigen, seine Zerstörung von innen her, seine Zerstörung in kultureller und religiöser Weise, wenn auch das Gebäude zunächst stehen blieb. Mit den Erfahrungen aus Babel konnte man die Jahre durchstehen, als immer mehr jüdische Menschen jenseits vom Lande Israel rund ums Mittemeer lebten, entfernt vom Heiligtum; konnte bestehen bleiben, als schließlich die Römer das Land erobert hatten, als ein römischer Statthalter namens Pontius Pilatus Wallfahrer hinschlachten ließ, ihr Blut mit dem Blut ihrer Opfertiere mischte (Lukas 13,1f). Hinter die Erfahrungen der Exilszeit fiel man nicht zurück, selbst dann, als Herodes der Große den neuen Tempel in unvergleichlicher Pracht noch einmal renovierte und am Areal des Tempels Jahrzehnte weiterbaute, um das Haus Gottes und seine Umgebung einem Weltwunder gleich zu machen.
Das religiöse Leben im Lande prägten die Familien. Die Woche lief auf den Schabbat zu. Die familiären Mahlzeiten standen unter dem Wort Gottes. Gemeinschaften entstanden wie die der Essener. Schriftgelehrte, Pharisäer und Sadduzäer diskutierten über dem Wort Gottes. Politisch und militärisch Aktive probten mit Aufstände gegen Rom, gerade in Galiläa. Das war die Umgebung, in der Jesus von Nazareth groß wurde. Seine Gemeinschaft mit Schülerinnen und Schülern, die mit ihm zogen, bei ihm lernten: eine von vielen. Besonders wurden sie allenfalls, als sie nach dem schrecklichen Tod ihres Lehrers am Kreuz ihn als auferstanden, als den Messias Gottes verkündigten, mit dem die Erlösung begonnen habe, ja, schon da sei. Sie rechneten mit seiner Wiederkunft in ganz naher Zeit.
Stattdessen überzogen, eine Generation nach dem Tod Jesu, die römischen Legionen von Norden her das Land, eine tödlichen Walze. Sie erobern Jerusalem, plündern aufs Neue den Jerusalemer Tempel, der am 9. Tag im Monat Av des Jahres 3830 nach jüdischem Kalender in Flammen aufgeht. Für die Christen ist es das Jahr 70. Die bis heute endgültige Zerstörung des Tempels ist für das Judentum ein furchtbares Déjà-vu. Aber eben ein Déjà-vu!
Weggabelung beim Untergang
Wieder, so denke ich, halfen die alten Exilserfahrungen, halfen die religiösen Lebensmöglichkeiten, die man sich geschaffen hatte. Gegen alle Wahrscheinlichkeit gingen nicht alle unter, verschwanden nicht alle von der historischen Bildfläche, wie es die Sadduzäer getan haben oder die Essener. Von denen weiß man zwar, aber es gibt sie nicht mehr als lebendige Gemeinschaften. Zwei Gruppierungen jedoch haben sich gehalten. Zum einen diejenige, die mit pharisäischer Prägung das Lernen und Lehren in Generationen von Rabbinen beibehielte, sich in Synagogen zum Gebet versammelte und in den Familien das religiöse Leben aufrechthielt mit Gebet, Beschneidung, Speisegeboten. Zum andern blieb jene Gemeinschaft, die sich unter Berufung auf den Messias Jesus gegenüber den heidnischen Völkern öffnete, am Gott Jesu festhielt, ohne Jesu jüdischer Praxis zu folgen, eine christliche Gemeinschaft aus immer weniger Juden und immer mehr Heiden. Beide, rabbinische Juden wie Jesusleute, schauten im Laufe der nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte wiederholt auf den Knotenpunkt ihrer gemeinsamen Geschichte. Auf die Zerstörung des zweiten, des herodianischen Tempels.
Gerade den jüdischen Menschen muss die Zerstörung des Tempels und der Stadt Jerusalem als ein allumfassender Terror vorgekommen sein. So, wie wenn die Zerstörung der Zwillingstürme in New York am 11. September 2001, die Attentate auf dem Strandboulevard von Nizza und auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016 und auch noch die auf die Kibbuzim am 7. Oktober 2023 in Israel alle auf einem Tag gelegen hätten. Beide Seiten, die jüdische wie die christliche, bedachten in den nachfolgenden Jahrzehnten den 9. Av besonders wegen möglicher Verfehlungen gegenüber Gott. Nur dass die Juden sagten: Wir haben gesündigt, die Christen aber sich davon absetzten und sagten: Die haben gesündigt. Genau auf diese Weise ist übrigens das Gedenken an die Zerstörung des Tempels in unsere liturgischen Kalender geraten, um auf die Sünden der andern hinzuweisen – angesichts unserer angeblichen Bußpraxis ziemlich befremdend.
Wenn in den letzten Jahren viele Historiker, christliche Theologinnen, jüdische Philosophen die Frage nach dem Auseinandergehen der Wege der beiden Gruppierungen nach dem Fall des Tempels stellten: Hier, in diesem unterschiedlichen Umgang (Wir haben gesündigt/ Die haben gesündigt) liegt wohl nicht nur ein Stein dieses Weges, hier liegt eine riesige Bodenplatte.
Man kann Geschichte nicht rückgängig kann. Man muss gestalten, was wir aus der Geschichte ererbt haben. Es könnte trotzdem jemand fragen: Hätte es denn eine andere Möglichkeit gegeben? Hätte es einen guten Umgang miteinander gegeben? Ja. Vielleicht. Wenn man auf der Spur geblieben wäre, die Paulus gewiesen hat. Am Anfang des 9. Kapitels im Brief nach Rom, an die gemischte Gemeinschaft aus heidnischen Leuten und solchen aus dem Dunstfeld der Synagoge. Paulus schrieb (Römer 9, 1-5):
„Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, 2dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. 3Denn ich wünschte, selbst verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch. 4Sie sind Israeliten, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen,5denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Gott, der da ist über allem, sei gelobt in Ewigkeit. Amen“.
Der pharisäisch gebildete Paulus hatte sich für den Messias entschieden, den Christus Jesus. Er war über Jahre dafür eingetreten, dass heidnische Leute zum biblischen Gott kommen können, ohne erst Juden zu werden. Und denen, die in Rom näher oder ferner dem Judentum standen, hämmert er ein: Sie, die Israeliten, die Juden, sind Söhne Gottes, sind Gottes Kinder. Sie sind in die Gegenwart Gottes, seine Herrlichkeit, hineingenommen. Mit ihnen hat Gott immer wieder neu Bundesschlüsse vollzogen. Die haben Gottes Weisung. Die feiern den Gottesdienst. Die haben die Verheißung von Fülle, Nachkommen, Land und Segen. Abraham und Sara und alle biblischen Urväter und -mütter sind deren Väter und Mütter. Der Christus Jesus gehört zu ihnen. Genau für all das ist Gott zu loben! Was die Unterschiede angeht, die Tatsache, dass so viele der Juden den Diener der Juden (Römer 15,8), den Jesus, nicht als Messias verstehen können, das, schreibt Paulus, zerreißt mich. Was für ein furchtbarer großer Schmerz.
Weitergehen auf den Spuren des Schmerzes – bis zum Gotteslob
Bei der Vorbereitung für den Sonntag habe ich gelernt: Wenn Paulus ausdrücklich von Schmerz schreibt, dann ist das ganz außergewöhnlich. Er schreibt ja öfter von Leiden, von Krankheit, von körperlichen Beeinträchtigungen. Jedes Mal kann man sich den Schmerz dazu ausmalen. Aber Paulus spricht nicht vom Schmerz, das verkneift er sich, nur hier im Brief nach Rom. Hier haut es ihn um. Hier, so wird deutlich, verliert er wirklich die Kontrolle. Hier zeigt er sich ausgeliefert. Er kann nichts mehr machen. Er wird sich allein Gott anbefehlen. Zugleich bleibt Paulus solidarisch mit seinen Leuten, bis zum letzten Atemzug. Er riskiert um ihretwillen seine Verbindung mit Christus. Dann führt ihn seine eigene Argumentation zum Christus zurück. Die, mit denen er solidarisch bleiben will, sind die leibliche Familie und der geistige Hintergrund des Messias. Dort kommt der Messias her, genauso wie Paulus selbst. Paulus wagt die Trennung von seinem Bruder und Herrn um Israels willen, und er wird wieder zum Christus, zum Messias Jesus geführt. Was für ein Glück. Gott sei Lob und Dank!
Mit Paulus könnten auch wir die Erfahrung machen, könnten wir diesen Weg nehmen. Solidarisch zu bleiben mit den anderen. Die eigene Schuld erkennen. Mit Paulus zurück zum Messias Jesus geführt zu werden. Auch wir können Geschichte nicht rückgängig machen. Nicht Ablehnung, nicht Gehässigkeit, nicht Hass, nicht Lüge, nichts von falschem Tun. Aber unseren Glaubensweg können wir auf der Spur des Paulus gehen. Uns verbunden sehen mit denen, die Gottes Kinder sind. Uns verbunden sehen, mit denen, die trauern am jeden neunten des Monats Av über all die Verfolgung, alle Zerstörung, des ersten wie des zweiten Tempels. Die trauern um die Vernichtung des spanischen Judentum unter Isabella von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón im Jahr 1492 und über den Beginn der Deportation aus dem Warschauer Ghetto. Alles zugeordnet dem 9. Tag im Monat Av.
Paulus weist uns an, nach denen zu schauen, die in die ungekündigten Bundesschlüsse Gottes eingebunden sind. Nach denen, aus denen der Messias Jesus herkommt. Ich war dabei, als kürzlich Heidelberger Studentinnen der Hochschule für jüdische Studien bei einer Veranstaltung mit Pfarrerinnen und Pfarrern uns mit auf den Weg gaben: Es passiert, dass jemand sie in der Straßenbahn anpöbelt. So ist das. Schlimmer aber, dass alle schweigen! Nun, gestanden die Frauen ein, vielleicht haben alle Angst. Aber dass dann hinterher niemand kommt und sagt: Was war denn das? Wie geht es dir? Das ist wahrhaft schrecklich. Paulus ist einen anderen Weg gegangen. Dafür sei Gott über allem gelobt.