Wenn einer hoch hinaus will, dann hat er etwas vor. Wenn ein Jäger auf den Hochsitz steigt, dann hält er Ausschau nach Wild. Wenn der Zöllner Zachäus auf einen Baum klettert, dann sucht er Jesus, um zu sehen, wer er ist. Der kommt auf seinem Weg nach Jerusalem durch die Stadt Jericho. Zachäus, von Statur aus klein, möchte ihn in der dichtgedrängten Menschenmasse entdecken. Er hat von diesem Wundertäter gehört. Jetzt ist er neugierig, ihn zu sehen.
Hier oben unter dem Blätterdach des Baumes fühlt er sich wohl. Und er wird nicht so schnell wahrgenommen. Er weiß, dass er im Volk verhasst ist. Als Oberzöllner bringt ihm seine Zollpacht von den Römern viel Geld ein. Reich ist er geworden durch unrechtmäßige Wucherzölle. Steuerhinterziehung und Geldwäsche hätte man ihm nachweisen können.
Bei seinen Volksgenossen steht er in einem schlechten Ruf. Es ist schmutziges Geld, das er kassiert, Geld über den offiziellen Tarif hinaus, das er in die eigene Tasche steckt. Er ist ein knallharter Geschäftsmann und somit sehr wohlhabend. Alle wissen das, niemand kann ihn leiden. Aber – das muss er jetzt erkennen – er ist nicht glücklich. Er ist ein Verachteter. Er wird in der Gesellschaft nicht anerkannt. Er hat sich in seinem Leben verrannt. Nun steckt er fest. Der erkletterte Baum symbolisiert den Wunsch, eine neue Sichtweise auf sein Leben zu bekommen.
Jetzt ereignet sich etwas, das Zachäus sich nie hätte träumen lassen. Als nämlich Jesus vorbeikommt und ihn oben im Baum erblickt, ruft er zu ihm hinauf:„Zachäus, steig schleunigst herab! Ich muss heute in deinem Haus einkehren“. Das hat Jesus gesagt. Einfach so hat er diesen Zachäus an die Hand genommen, hat sich selbst bei ihm eingeladen, um mit ihm zusammen zu sein und ihn seine Menschenliebe spüren zu lassen. Nirgends steht etwas davon, dass Jesus ihm die Leviten gelesen hat, dass er ihn zusammengestaucht und ins Gewissen geredet hat. Von ihm können christliche Lehrer/innen und Erzieher/innen lernen:
Wenn sie Ohrfeigen austeilen oder Strafarbeiten, dann haben sie von Jesus und seiner Botschaft nichts verstanden. Das Mittel, mit dem Jesus arbeitet, ist Wertschätzung. In der Bibel wird das ‚Liebe‘ genannt. Aber das ist heute sehr missverständlich. Wertschätzung hat nichts mit Sympathie zu tun. Es hat zu tun mit Aufmerksamkeit, mit Interesse am Menschen, es hat zu tun mit Einfühlungsvermögen. Jesus sieht, was mit Zachäus los ist. Vielleicht hat ihm auch jemand gesagt, dass der Mann da auf dem Baum ein Gauner ist; niemand möchte mit ihm etwas zu tun haben. Jesus ist der erste, der zu ihm eine Beziehung herstellt: „Zachäus, komm her, lass uns den Tag miteinander verbringen, lass uns in dein Haus gehen!“ Eine höchst wertschätzende Geste!
Jesus verlangt von ihm kein Schuldbekenntnis, kein Versprechen, sich zu bessern. Und doch hat sich etwas getan: Zachäus hat sich von Jesu Liebe anstecken lassen. Er entdeckt, wie er Nächstenliebe praktizieren könnte. So plant er, den Armen zu helfen und diejenigen zu entschädigen, die er in seinem Leben betrogen hat. Er hat gespürt: Wenn Jesus in mein Leben tritt, dann wachsen mir neue Kräfte und Zukunftschancen.
Der Theologe und Liedermacher Jörg Swoboda hat die Kehrtwende bei Zachäus in einem Lied („Zachäus war in Jericho“) geschildert, darin heißt es:
„Bei Jesus wird ihm plötzlich klar,
wie leer sein Leben bisher war.
Trotz Macht und Ehre, Luxus, Geld,
bleibt schließlich nichts, was wirklich zählt.
Erst Gottes Liebe ist Gewinn,
gibt unserm Leben Ziel und Sinn.
Und deshalb fasst er den Entschluss,
dass er sein Leben ändern muss.
So teilt er sein Vermögen auf.
Den Spott dafür nimmt er in Kauf.
Was er im Dienst gestohlen hat,
ersetzt er vierfach in der Tat.
Sein Geld gibt er zur Hälfte weg.
Die Armen sind ein guter Zweck!“
Zachäus fühlt sich von Jesus wertgeschätzt, darum seine existentielle Wandlung. Wertschätzung hat mit Aufmerksamkeit und Interesse am Menschen zu tun. Jesus hat die Menschen geachtet und sich für sie interessiert. Vor einiger Zeit erzählte mir eine Sekretärin, dass sie sich von ihrem Chef kontrolliert fühle. Er schaue sie nicht an, wenn er morgens ins Büro kommt, sondern sieht sofort auf irgendwelche Fehler, die ihm in die Augen fallen. Wenn Sie mit einem Menschen sprechen, sehen Sie ihn an! Wenn Sie Ihrem Nachbarn auf der Straße begegnen, übersehen Sie ihn nicht, wünschen Sie ihm einen guten Tag! Den Anderen beachten, heißt ihn wertschätzen.
Im Religionsunterricht einer 10. Klasse wurde das Thema „Wertschätzung durch Andere“ durchgenommen. Der Lehrer zeigte einen 100 Euro-Schein in die Höhe und fragte die Schüler: „Wer von Euch möchte diesen Schein haben?“ Da gingen alle Hände gleichzeitig in die Höhe. Dann zerknitterte er den Schein, warf ihn zu Boden und stieg darauf herum, so dass er ganz schmutzig wurde und zerknüllt. Wieder fragte er die Schüler: „Wer möchte den Schein immer noch haben?“ Wieder gingen alle Hände in die Höhe. Der Lehrer sagte zu ihnen: „Wir haben jetzt gemeinsam etwas ganz Wertvolles gelernt. Was auch immer mit dem 100 Euro-Schein geschehen ist, er wurde zerknittert und verdreckt, aber Ihr wolltet ihn trotzdem alle haben, der Schein war für Euch nach wie vor 100 Euro wert.
So kann es auch oftmals im Leben gehen: Dass wir uns zerknittert fühlen oder auf den Boden geworfen, dass uns jemand mit Dreck beschmeißt. Was auch immer mit uns passiert, jeder Einzelne von uns verliert nie an Wert. Egal, ob wir uns sauber oder dreckig fühlen, zerknittert oder gebügelt. Wir sind als Menschen immer gleich wertvoll!“ So der Lehrer. Vergessen wir es nicht: Jeder Mensch ist in den Augen Gottes kostbar und wertvoll. So bekräftigt Gott (Jesaja 43,4): „Du Mensch bist mir so viel wert und ich liebe dich!“ Zachäus hat diese Wertschätzung Gottes am eigenen Leibe erfahren. Jesus bittet ihn auf seiner Klettertour:„Komm schnell vom Baum herunter, ich muss heute dein Gast sein!“ Dieses ‚heute‘ verändert sein Leben. Aus dem Gauner wird ein Wohltäter, aus dem Betrüger wird einer, der Schaden wieder gutmachen wird.
Über diese Kehrtwende freut sich Jesus und eröffnet ihm:„Heute hat Gott dich mit deiner ganzen Familie angenommen“. Das heißt: Du, Zachäus, stehst mit deiner Familie unter Gottes Schutz und Segen. Zum Stichwort ‚heute‘. Heute ist Sonntag, der Tag des Herrn. Heute sind Sie hier im Gottesdienst. Lassen Sie sich anrühren vom Geist Jesu Christi. Heute hören Sie sein Wort, es gilt auch Ihnen: „Heute ist deinem Haus Heil widerfahren“. Glauben Sie es. Nehmen Sie es mit in die neue Woche. Es ist das Wort Jesu Christi an Sie persönlich. Vertrauen Sie ihm Ihre Wege an. Er wird Ihnen Segen bringen.
Zachäus hat nie gedacht, dass er einmal aus dem Abseits geholt wird, vom Baum in die Gesellschaft zurück und dass er solche Wertschätzung erfährt. Das erinnert mich an das Gemälde von Rembrandt: Das Hundertguldenblatt. Da kommt von rechts ein Zug von Kranken und Leidenden, wie aus dem Abseits. Müde schleppen sie die Last ihres Lebens, werden gestützt, getragen und gefahren auf Lasttieren und Schubkarren. Sie treten aus dem dunklen Abseits ins helle Licht. Unübersehbar in der Bildmitte steht Christus, als Lichtgestalt. Der Zug der zerbrochenen Menschen hat ein Ziel: Christus. Unter seinen Augen endet ihr Leidensweg. Unter Jesu Augen endet auch das schmutzige Geschäft des Zöllners Zachäus. Er hat ihn aus dem Abseits der krummen Wege herausgeholt. Jesus sorgt für einen Neuanfang.
Tatsächlich erlebt Zachäus einen Neustart. Er reagiert spontan. Er teilt sein Vermögen mit den Armen und gibt zu Unrecht Erpresstes vierfach zurück. Sein Neustart zeigt sich in echter Reue und Umkehr. Zachäus ändert sein Leben.
Manche Menschen schaffen das auch heute, ihr Leben zu verändern. Wie z. B. Karl Heinz Böhm, der österreichische Schauspieler und Gründer der Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“. Karl Heinz Böhm hängt die Schauspielerei an den Nagel. Er arbeitet fortan ehrenamtlich und unentgeltlich für ärmste Familien der Welt. Böhm war zum ersten Mal mit der Armut in Afrika konfrontiert, als er einen Bronchialkatarr auskurierte. Ärzte empfahlen ihm einen Aufenthalt in Kenia. Dort ließ er sich von einem einheimischen Hotel-Angestellten die Kehrseite der Luxusfassade zeigen. Böhm sah die Hütte der Hotel-Angestellten und erfuhr, dass die Einheimischen sich nur den Kopf eines Fisches leisten konnten und war erschüttert. Er wollte sich mit der Armut nicht abfinden und beschloss, in Afrika zu helfen. In Äthiopien fand er die Rolle seines Lebens. Mit seiner Äthiopien-Hilfe „Menschen für Menschen“ hat er Millionen die Chancen eines besseren Lebens gebracht.
Ich nehme aus der Zachäus-Geschichte drei Denkanstöße mit: - Jesus holt Menschen aus dem Abseits und schenkt einen Neustart, - Wertschätzung lässt Menschen aufleben, - ein neues Lebensprogramm kann gewinnbringend sein.
Sollten Sie sich ins Abseits gedrängt fühlen, wünsche ich Ihnen Menschen, die sie da rausholen, damit Sie neu durchstarten können. Vor allem wünsche ich Ihnen, dass Sie sich wertgeschätzt fühlen und dass Sie anderen Wertschätzung entgegenbringen können. Und ein neuer Lebensentwurf könnte Sie in Ihrem Tun beflügeln. In einem Lied von Klaus Peter Hertzsch (EG 395) heißt es: „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt. Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land. Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit“.