Wie geht Versöhnung? – Das habe ich mich schon oft gefragt. Neulich erst wieder. Ich saß zwischen zwei Menschen, die beide das Beste für Ihre Gemeinde wollen. Nur die Vorstellungen über das „Wie“ gehen weit auseinander. Andere Schwerpunkte, andere Prioritäten. Scheinbar unüberbrückbare Differenzen. Und mittlerweile ein großer, tiefer Graben. Wie geht Versöhnung? –
Auch der Blick in die Welt lässt diese Frage laut werden. Können wir uns mancherorts Versöhnung überhaupt noch vorstellen? Was müsste denn passieren, damit die Ukraine und Russland sich annähern? Was müsste passieren, damit im Nahen Osten die Waffen schweigen?
Der Predigttext für den heutigen Karfreitag nimmt das Thema Versöhnung in den Blick. Paulus beschreibt Jesus sogar als „Anfänger und Urheber“ des neuen Lebens (vgl. Apg 3,15: τὸν δὲ ἀρχηγὸν τῆς ζωῆς). Sein Tod am Kreuz und seine Auferstehung zeigen: Alles, alles fängt mit der Liebe Christi an.
(Lesung des Predigttextes, 2. Kor 5, 14-21)
I
Den Brief schreibt Paulus nach Korinth. Seine Stellung dort ist umstritten. Man sagt über ihn: Er hat Jesus nicht persönlich erlebt. Er ist keine Lichtgestalt. Es fehlt ihm an Visionen. Nichteinmal Empfehlungsschreiben hat er vorzuweisen. Mit anderen Worten: Die Gegner verurteilen Paulus. Das Urteil lautet: Kein richtiger Apostel. Darauf reagiert Paulus mit dem, was er wie kein Zweiter beherrscht: Mit Theologie – mit all dem, was er von Gott und von Jesus Christus verstanden hat, von Sünde und Sühne und vor allem vom Kreuz.
Schon der erste Vers macht deutlich, wie Paulus den Kreuzestod Jesu deutet: Als Liebestat. Die Liebe Christi drängt uns! Die Liebe Christi umgibt uns! Sie ist Richtschnur, Maßstab und Kompass. Warum also sollten wir einander verurteilen? Warum sollten wir spalten, niedermachen und abwerten? Von Karfreitag an, so Paulus, gelten andere Maßstäbe. Einer ist für alle gestorben. Mit ihm sind alle gestorben. Paulus will damit nicht sagen, dass wir tot sind, sondern dass wir anders leben sollen. Durch den Kreuzestod Jesu ist ein Neuanfang möglich, auch mitten im Leben.
Neustart – „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (V. 17). Was aber ist neu? Wenn wir mit Christus gestorben sind, hören wir auf, nur um uns selbst zu kreisen. In den Worten des Apostels: Wir leben nicht mehr nur uns selbst, „sondern dem, der für uns gestorben und auferweckt worden ist“ (V. 15). Wir schauen also nicht mehr nur auf das, was wir brauchen und wollen, sondern wir denken den anderen mit, versuchen uns, in seine Rolle hineinzuversetzen, zu verstehen, warum er so agiert oder warum ihr genau das wichtig ist. Wie geht Versöhnung? Indem ich meine Maßstäbe, meine Schwerpunkte und Positionen hinterfrage.
Alles neu – Das heißt dann: Kein vorschnelles Urteilen. Keine alten Vorurteile. Keine Machtspielchen.
Alles neu – Das heißt: Die Liebe Christi wird der Maßstab und Frieden das Ziel. Keine Spaltung. Kein Freund - Feind - Denken. Keine Bomben und Raketen.
Alles neu – Diese Neuschöpfung geht zuallererst von Gott aus. Gott selbst leitet die Versöhnung ein. „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“ (V. 19). Gott war in diesem Menschen am Kreuz. Gott war in ihm. Gott ist so in allen, die leiden, die Schmerzen haben, die Ängste erdulden, in allen Verzweifelten und in allen Sterbenden.
II
Wenn wir heute auf das Kreuz schauen, dann geschieht hier aber nicht nur Leiden und Tod. Am Kreuz, sagt Paulus, geschieht Versöhnung, ermöglicht uns Gott einen Neuanfang und vollzieht sich ein heilsamer Tausch. Das griechische Wort καταλάσσειν (katalassein), das Paulus hier für „versöhnen“ verwendet, bedeutet so viel wie „von oben her vertauschen“. Gott nimmt in Christus die Sünden der Welt auf sich und verleiht der Welt im Tausch seine Gerechtigkeit. Gott „rechnet ihnen ihre Sünden nicht zu“ (V. 19). Hier geschieht das, was Martin Luther den „fröhlichen Wechsel“ genannt hat. Sünde gegen Gerechtigkeit. Hass gegen Liebe. Tod gegen Leben.
Gott zeigt uns Menschen damit auch einen weiteren Aspekt von Versöhnung: Dem anderen nicht vorrechnen, was er oder sie getan oder gelassen hat. Dem Guten Raum geben. Sich der Liebe zur Verfügung stellen. „So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (V. 20).
„Botschafter an Christi statt“ – Paulus schickt uns in die Welt mit einer Mission. Er hält es tatsächlich für möglich, dass sich etwas zum Guten bewegt. Dass wir etwas zum Guten bewegen. Die Versöhnung geht dabei zuallererst von Gott aus. Aber die Bewegung geht weiter. Gottes Liebe umfängt die Welt. Auch wenn die Welt gar nichts von ihr wissen will. Auch wenn immer noch so viel Leiden in der Welt ist. Auch wenn wir uns manchmal gar nicht vorstellen können, dass Dinge in Bewegung kommen und Frieden werden kann. Tatsächlich auch dann, wenn uns Menschen Versöhnung nicht möglich ist. Gottes Liebe umfängt die Welt. Das bleibt unser Auftrag: Wir sind Botschafter an Christi statt. Wir geben Zeugnis davon, dass Gott die Versöhnung will.
Botschafter an Christi Statt – das sind für mich beispielsweise die Schülerinnen und Schüler unserer Sinsheimer Schulen. Bei der letzten Stolpersteinverlegung waren sie mit dabei und haben die Lebensgeschichten vertriebener und ermordeter Mitbürger vorgetragen. Mich haben ihre Texte beeindruckt, weil sie sagen: Wir dürfen nicht vergessen und verdrängen. Wir müssen Schuld erkennen und bekennen. Und: Wir müssen es heute anders machen. Damit Geschichte sich nicht wiederholt.
III
Wie also geht Versöhnung? – Indem wir aufarbeiten. Indem wir nicht verdrängen und vergessen, sondern Schuld eingestehen und den Wunsch haben, es anders zu machen. Das erfordert Mut und auf beiden Seiten die Bereitschaft, dem Guten Raum zu geben. Denn zur Versöhnung gehören beide Perspektiven: die der Opfer und die der Täter.
Ich war vor kurzem in Südafrika. Vom Tafelberg in Kapstadt aus kann man auf die Gefängnisinsel Robben Island schauen. Einen Großteil seiner langjährigen Haft wegen politischen Aufruhrs hat der schwarze Anwalt Nelson Mandela dort verbracht. Am Tage seiner Freilassung, nach insgesamt über 27 Jahren in Haft, hielt Mandela eine Rede vom Balkon des Rathauses in Kapstadt. Damit leitete er öffentlich seine Politik der Versöhnung (reconciliation) ein, indem er „alle Menschen, egal ob schwarz oder weiß, zur Mitarbeit an einem nichtrassischen, geeinten und demokratischen Südafrika mit allgemeinen, freien Wahlen und Stimmrecht für alle“ einlud (Nelson Mandela, speech after release from prison, 11.02.1990). Nelson Mandela war später der erste schwarze Präsident Südafrikas. Für sein Versöhnungswerk hat er gemeinsam mit dem weißen Präsidenten Frederik de Klerk 1993 den Friedensnobelpreis bekommen.
Wie geht Versöhnung? – Am Kreuz hat Gott in Christus die Welt mit sich selbst versöhnt. Er hat den Anfang gemacht. Ohne diesen Anfang blieben wir auf ewig gefangen in unseren Geschichten, unseren Verwundungen, unseren Vorurteilen und falschen Maßstäben. Doch Christi Kreuz ermöglicht den Neuanfang. Neustart. Mitten im Leben. Dem stellt euch zur Verfügung. Immer wieder neu. Im Kleinen wie im Großen. Lasst euch versöhnen mit Gott!