"Wir haben einen goldenen Faden, der mitläuft..."
Grund für Optimismus?
| Predigttext | Römer 5,1-5(6-11) |
|---|---|
| Kirche / Ort: | 78647 Trossingen-Schura |
| Datum: | 01.03.2026 |
| Kirchenjahr: | Reminiszere (2. Sonntag der Passionszeit) |
| Autor: | Pfarrer Jonas Keller |
Predigttext: Römer 5,1-5(6-11), Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017
1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. 2 Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. 3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, 4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, 5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
(Vorbemerkung der Redaktion Heidelberger Predigt-Forum: Die Predgt nimmt lt. Mitteilung des Predigtautors eine Erzählung unbekannter Herkunft auf.)
1945: Als Emma Gutbrod ihren Sohn zur Welt brachte, dachte sie, sie müsste sterben. Sie war gerade achtzehn Jahre alt und nichts und niemand hätte sie auf die Gefühle vorbereiten können, die sie überwältigten: Angst um das Leben des Ungeborenen. Die Sorge, sie könnte nicht gut genug sein für ihr Kind. Und dann das unbändige Glück beim Anblick der winzigen Finger, des blassen Gesichtes, noch feucht vom Fruchtwasser. Als ihr Sohn in ihren Arm lag, da dankte Emma Gott für dieses kleine atmende Wunder und nannte ihn Theo, nach ihrem Großvater. Als der Kleine wenige Tage später getauft wurde, begann sie, einen Schal für ihn zu stricken
2026: Es klingelt an der Tür. Emma öffnet die Augen. Sie sitzt in ihrem Sessel und die Sonne scheint durch das Fenster und wärmt ihre kalten Finger. Auf ihrem Schoß liegt der Schal, an dem sie seit mehr als siebzig Jahren strickt. Heute hat sie seit langem mal wieder einige Maschen stricken können. Es klingelt wieder. Und dann noch einmal. Emma hört, wie der Schlüssel im Schloss gedreht wird. »Wir sind da, Mutter«, ruft Theo. Emma hört seine Schritte im Flur. Seine Frau Hannelore, ihre Schwiegertochter hört sie auch. Und zwei helle Kinderstimmen. Sie freut sich, dass er seine Enkel, ihre Urenkel, mitgebracht hat.
Als Erste stürmt Magdalena in das Zimmer, wie immer. Sie küsst Emma auf die Wange und kniet sich dann vor den Bücherschrank. Ihr kleiner Bruder folgt ihr. Max zieht einen Beutel hinter sich her, der gegen die Truhe und den Tisch und dann gegen Emmas Bein stößt. Max winkt flüchtig und kippt dann seine Spielsachen direkt vor ihr auf den Teppich. Ihre Schwiegertochter ist im Türrahmen stehen geblieben. »Hallo Mutter«, ruft sie, als Emma den Kopf zu ihr dreht.
Theo betritt das Wohnzimmer, beugt sich über Emma und küsst sie auf die Stirn. Er streichelt Magdalena über den Kopf und setzt sich auf das Sofa, das gegenüber Emmas Sessel steht. »Die Kinder müssen länger arbeiten«, sagt Theo und streicht sich durch das Haar. »Sie kommen später.« Sein Haar ist dünner geworden. An immer mehr Stellen sieht Emma die Haut unter dem weißen Haar. Magdalena hat sich für ein Buch entschieden. Sie legt es auf ihre Knie und schlägt es auf. Mit den Fingern streicht sie über die aufgeklebten bunten Bilder mit den gezackten Rändern. Theo seufzt. »Das ist die Geschichte von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen.
Weißt Du noch Mutter, wie wir im Laden die Bilder von den Margarinetöpfen untersucht haben?« »Weil dir nur noch ein Bild fehlte, damit die Geschichte komplett ist«, ergänzt Magdalena, ohne aufzusehen. Theo lacht. »Das habe ich wohl schon öfter erzählt.« Magdalena schlägt die nächste Seite auf. »Die Schrift ist so schnörkelig. Liest du es mir vor, Opa?« Magdalena springt mit dem Buch auf und läuft zu ihm herüber. Dabei bleibt sie mit dem Schuh an einem Ausläufer von Emmas Strickarbeit hängen. Sie fällt auf die Nase und das Buch stürzt auf einen Auffahrunfall, den Max direkt vor dem Tischchen aufgebaut hat.
Magdalena zieht ihren Schuh aus dem Maschenberg. Emma klammert sich an den Nadeln fest, damit keine Masche verloren geht. Theo kniet sich auf den Teppich und hilft Magdalena, den Klettverschluss vorsichtig zu lösen. »Den Schal habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen«, sagt er und streicht mit den Fingern über die Maschen. »Ich wusste nicht, dass du immer noch daran strickst.« »Ist der Schal für einen Elefanten?«, fragt Magdalena. »Nein«. Emma schüttelt den Kopf. »Für eine Mumie?«, fragt Max. »Nein«, sagt Emma. Sie löst die Finger von den Nadeln und reibt die schmerzenden Handgelenke. »Ich habe diesen Schal für Euren Opa gestrickt.« Magdalena dreht sich um und mustert ihn. »So einen dicken Hals hat er aber nicht«, stellt sie fest. Emma lächelt.
»Weißt du, Magdalena, irgendwann konnte ich nicht mehr aufhören zu stricken. Der Schal ist wie ein Fotoalbum oder ein Tagebuch geworden. Jede Reihe erzählt ein bisschen vom Leben.« Magdalena nimmt die ersten Reihen in die Hand und streicht sie glatt. »Den Anfang mag ich nicht. Der ist kratzig und es sind auch ein paar Löcher drin.« Emma nickt. »Ich habe oft geweint, als ich die ersten Reihen gestrickt habe. Der Krieg in Deutschland war gerade vorbei. Fritz und ich hatten immer Hunger. Ich habe alte Socken aufgeribbelt und daraus den Anfang gestrickt, um deinen Opa in der Nacht darin einzuwickeln, damit er nicht friert.« Max klettert auf Emmas Schoß und betrachtet den Schal. Gefroren hatte er in ihrem Neubauhaus sicher noch nie.
Magdalena inspiziert mit ihren Fingern das nächste Stück des Schals. »Hier sieht es schön aus«, ruft sie. Nach ein paar bunten Reihen zieht sich ein goldenes Band quer über den Schal. »Es sieht aus wie eine Krone«, sagt Max. »Das ist meine Konfirmation«, sagt Theo. Dann zeigt er auf ein breites rotes Stück des Schals. »Dort ist unsere Hochzeit.« »Schau mal hier, Magdalena!« Fritz beugt sich vor und zeigt auf, leuchtende gelbe, Reihen. »Da ist eure Mutter geboren. Das war eine tolle Zeit.« »Warum ist es hier braun?« Magdalena reibt ihre Wange an einem dunklen Stück in der Mitte zwischen Konfirmation und Hochzeit. Theo runzelt die Stirn. Emma räuspert sich. »Dein Freund Willi ist krank geworden. Du warst so traurig, dass ich es kaum ertragen konnte.« Theo nickt. »Ein paar Wochen später ist er gestorben.« Er zeigt auf eine feine schwarze Linie. »Wo bin ich, Opa?«, will Magdalena wissen. Er zeigt es ihr.
Daneben ist wieder ein braunes Stück. »Ich bin beim Klettern gestürzt und es hat Stunden gedauert, bis sie mich bergen konnten. Das waren schlimme Stunden. Theo sieht seine Mutter an. »Trotzdem hättest du statt der braunen Wolle auch die goldene nehmen können. Ich war auf dem Berg nicht allein mit meiner Angst. Und obwohl ich mir große Sorgen gemacht habe, wusste ich die ganze Zeit, dass es gut ausgeht. Ich wusste es einfach.« Emma lächelt. Sie nimmt den Schal in ihre Hände und zieht die Maschen auseinander. »Überall Kronen«, ruft Max begeistert. Theo nimmt die Brille aus der Brusttasche seines Hemdes und setzt sie auf. Dann sieht er es auch. Neben jedem Wollfaden ist ein dünnes goldenes Band Masche für Masche mitgelaufen und hat die dunklen und die farbigen Zeiten begleitet.
»Wie schön es überall funkelt!« Magdalena breitet den Schal aus und fährt mit den Fingern die goldenen Reihen entlang, die überall zwischen den bunten und dunklen Wollfäden versteckt waren. Dann dreht sie sich zu Emma um. »Uroma, wer strickt den Schal weiter, wenn du gestorben bist?« Emma hebt die Schultern und betrachtet ihre steifen Finger. »Ich kann es dir zeigen, Magdalena«, sagt Hannelore leise und lächelt. »Dann stricken wir zusammen weiter. Das Helle, das Dunkle und das Glänzende.« Magdalena nickt und zieht unter dem Schal ein goldenes Knäuel hervor. Mit den Lippen formt sie die Worte, die auf der Banderole stehen:
Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
Ein vertrautes Gefühl. So sind wir Menschen eben. Und oft können wir, das goldene Band nicht erkennen, auch wenn es mitläuft. Oft sehen wir zwischen allem unserm Schaffen und Probieren, zwischen all dem Versuchen und Gestalten, nur das braune das dunkle: Die übergroße Verantwortung, die wir kaum zu tragen im Stande sind, drückt uns nieder. Aufgaben, Herausforderungen, Entscheidungen, denen wir uns nicht gewachsen fühlen, liegen vor uns wie Felsbrocken.
Die Welt und ihre Tristesse sie lastet dann auf unseren Schultern. Und man ist ratlos nicht nur angesichts so vieler menschengemachter Probleme, vor denen wir stehen: Die Konflikte, für die wir keine Lösung finden; die himmelschreiende Ungerechtigkeit in der Welt, wie wir sie geordnet haben; die Zerstörung der natürlichen Ressourcen.
Wer kann da schon noch optimistisch in die Zukunft blicken, wer kann noch hoffen, vertrauen auf einen Gott, der so fern scheint? Pessimismus scheint so etwas wie eine Volkskrankheit zu sein. Das ist gut nachvollziehbar, denn uns wird von allen Seiten das Fürchten gelehrt. Die einen sagen: „Das Haus steht in Flammen!“, die anderen warnen vor „Klimahysterie“. Die einen rufen „Wehret den Anfängen!“, die anderen fürchten „Überfremdung“.
Die Angst ist eine Schwester des Pessimismus. Aber sie hat noch weitere Geschwister: Das Misstrauen ist stark in diesen Tagen. Überall wittern wir Lüge, Propaganda und Fake News, und wenn wir genauer hinschauen, merken wir tatsächlich, dass aus Machtinteresse dreiste Lügen verbreitet werden. Dann ist da noch der Druck, der den Pessimismus fördert. Wir stehen an so vielen Stellen unseres Lebens dermaßen unter Erfolgsdruck, dass wir bereits ahnen: Wir werden scheitern. Es ist erstaunlich, wie viele Bereiche unseres Lebens angeblich optimiert werden müssen. Es ist absurd, was wir alles falsch machen können: kauen, sich bücken, gehen, sitzen, reden, lieben, niesen. Es gibt wohl nichts, was Menschen können, von dem nicht schon mehrere andere Menschen gesagt haben, dass man es falsch machen kann. Wenn wir also dem Pessimismus etwas entgegenhalten wollen, müssen wir uns klar darüber sein, dass er mächtige Geschwister hat.
Aber zum Glück sind auch wir nicht allein. Wir haben einen Verbündeten. Wir haben einen goldenen Faden, der mitläuft, auch wenn wir ihn manchmal nicht sehen können. Und dieser Faden, das ist der Verbündete, den wir haben, der Verbündete, der uns allen zugesagt ist, uns allen zugesprochen ist und keinen von uns alleine lässt. Er stärkt uns begleitet uns steht uns zur Seite, hält an mir fest bleibt mein Verbündeter in aller Not. Er ist der Beste, der Einzige, der wahre Grund für unseren Optimismus. Egal welche Entscheidungen ich treffe, egal wie düster es um mich ist, egal wie schwer die Welt auf meinen Schultern liegt, da ist ein Licht, eine Zusage:
Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. Durch Jesus Christus in Ewigkeit,