Zeit?
Die Welt nimmt ihren Lauf...
| Predigttext | Predigttext: Hebräer 13,8-9 |
|---|---|
| Kirche / Ort: | Ev. Kirche / Walldorf |
| Datum: | 31.12.2025 |
| Kirchenjahr: | Altjahresabend |
| Autor: | Pfarrer Dr. Uwe Boch |
Predigttext: Hebräer 13,8-9 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)
Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die danach leben.
Der irische Schriftsteller James Joyce hat einmal geschrieben: „Es gibt keine Vergangenheit. Und keine Zukunft. Nur den ewigen Lauf der Gegenwart“. Irgendwie hat er Recht. Und irgendwie auch nicht.
I
Zeit, was ist das schon? Letztlich ein menschliches Konstrukt. Dem Universum ist es wurschtegal, ob wir 2025 oder 2026 schreiben. Die Welt nimmt ihren Lauf. Warum Silvester feiern? Ändert sich ja doch nichts. Wahrscheinlich wird 2026 wieder das wärmste Jahr, das es je gab. Die Klimakatstrophe schreitet fort. Der Ukrainekrieg und der Gazakrieg laufen einfach weiter. Der 1. Januar ändert an den Drohnenangriffen, den Bombardierungen und Terrorakten so wenig wie Weihnachten. Der Rechtsruck setzt sich fort bis hinein in die vormals bürgerlichen Parteien. Die Politiker sehen großenteils zu oder befördern das noch.
Die Schere zwischen Reich und Arm wird sich auch 2026 wieder weiter öffnen. Vermutlich noch schneller, wenn ich die Anzeichen in der Politik richtig deute. Wir drohen in eine schwierige Lage zu schlittern. Das, was wir früher Werte nannten, Freundlichkeit, Nächstenliebe, Rücksicht, geht unter in der Selbstschau und dem Egoismus der Menschen, die sich nur noch um sich selbst drehen. Eigentlich ein Witz. Der Kalender.
Trotz aller guten Vorsätze wird sich morgen nichts ändern, und ich rede noch gar nicht von den ganz persönlichen Dingen. Ich habe den Mann vor Augen, dessen Augenlicht langsam schwindet und seine Welt immer trüber werden lässt. Oder die Frau, die verzweifelt dem toten Kind nachweint. Da wird sich nichts ändern. Auch wenn morgen 2026 da steht. Keine Angst! Ich bin gut drauf. Ich versinke nicht in Pessimismus. Das wäre etwas wirklich Neues. Aber ich halte nichts davon, die Lage schön zu reden, und ich kann mit dem Jahreswechsel herzlich wenig anfangen.
II
Zeit. Das ist ein Konstrukt menschlichen Geistes. Der verzweifelte Versuch, Ordnung in ein übermenschliches Dasein zu bringen, das wir nie kontrollieren und nie beherrschen können. Weder persönlich noch als Menschheit. Aber! Jeder wird mir sagen: Wir brauchen die Zeit. Sie ist erfunden, damit wir uns einordnen können. Uns in Beziehung setzen zum Lauf der Welt. Letztlich dient sie dazu, uns in den Milliarden Jahren der Existenz der Welt eine Bedeutung zu geben. Jedenfalls, solange es unser Bewusstsein gibt. Das ist genau das, was wir Menschen brauchen, und das ist das, was den Silvesterabend und den Neujahrstag wichtig macht für uns. Das könnte jeder andere Zeitpunkt im Jahr sein. Für manche ist es das auch.
Gerade diese Erfahrung habe ich dieses Jahr machen dürfen oder müssen. Leben ändert sich manchmal. Wichtig ist, dass das Herz mitgehen kann. Dass das Vertrauen ins Leben erhalten bleibt. Silvester steht dann stellvertretend für die Wendepunkte im Leben. Für das Umkehren, den Wandel, die Veränderung. Es ist albern, das mit der Austreibung der bösen Geister zu feiern. Oder vielleicht doch nicht?
Der Hebräerbrief setzt auf die Verwandlung des Herzens. Darauf, dass Gott etwas in uns verändern möchte und dass wir das im Glauben an ihn auch umsetzen können und die bösen Geister aus unseren Herzen zu verbannen und Platz machen für neues Leben, gute Vibes, wie die jungen Leute sagen würden, und eine Zukunft, die lebendiger und hoffnungsfroher ist.
Darum ist es doch nicht falsch, bestimmte Punkte zu setzen im Leben. Zurückblicken. Auf 2025. Und feststellen: Da ist noch Potential im Leben. Da kann sich vieles verbessern, vielleicht den Mut zu entwickeln, selbst an Veränderungen beteiligt zu sein. Das tun wir instinktiv am Jahresende. Manchmal ganz offen: Morgen beginne ich, Sport zu machen. Damit sich mein Leben verändern kann. Damit ich freier atme. Und meinem Geist und Körper etwas Gutes tue. Manchmal ganz heimlich, still und leise: Gott, hilf mir mutiger, lauter und klarer auszusprechen, was in dieser Welt schief läuft. Es ist meine Aufgabe als Christ. Es ist das, was Du von uns erwartest. Jesus hat es vorgemacht. Hilf mir, bewusster zu leben. Bei mir anzufangen mit Veränderungen und damit auf mein Umfeld einzuwirken. Gott, gib mir die Zuversicht, dass ich selbst bedeutend bin in meiner kleinen Welt, vielleicht auch in der großen Welt.
III
Woher wir das nehmen können, wenn doch alles so gleich schlecht bleibt? Daraus, dass Gott immer der gleiche bleibt. Empathie passt nicht mehr zum Zeitgeist? Amerika, Deutschland, was auch immer, first? Nach uns die im wahrsten Wort die Sintflut? Die große Flut, die die Malediven verschlingt, Usedom in 50 Jahren unbewohnbar macht? Festung Europa? Damit die Flüchtlinge aus dem bald unbewohnbaren Afrika hier nicht reinkommen? Die künstliche Hüfte für Oma lohnt nicht mehr? Gott bleibt immer der gleiche. Ganz gleich, was der Zeitgeist sagt. Was Jesus vorgelebt hat, ist komplett zeitlos! Es gilt, durch die Jahrhunderte. Über Menschenleben hinweg. Über Kriege, Katastrophen und Krisen hinweg: Gestern, heute und in Ewigkeit bleibt Gottes Wille der gleiche.
Letztlich geht es darum, dass uns dies in Fleisch und Blut übergeht. Das wir es nicht nur glauben, sondern tatsächlich leben. Dass es nicht nur hier im Gottesdienst gilt. Sondern dass wir uns hier im Gottesdienst versichern, selbst bekräftigen und Mut finden. Leben müssen wir es draußen. Vor den Kirchenmauern. Im Dorf, im Land, in der Welt. Das können Christen, weil Gott nicht an die menschliche Zeit gebunden ist. Weil die Werte, die er uns für ein sinnvolles Leben mitgegeben hat die gleichen sind: Gestern, heute und in Ewigkeit.
Christliches Leben bedeutet mutiges Leben. Nicht die Abwesenheit von Angst. Sondern die Möglichkeit, mit ihr umzugehen. Nicht die Vermeidung von Ohnmacht. Sondern die Chance, neue Kraft zu finden. Nicht ein Leben ohne Scheitern. Sondern das Herz, immer wieder neu anzufangen und Leben zu schaffen, so gut es uns gelingen kann. Und Leben zu erhalten, dort, wo es bedroht ist. Das Herz, das der Glaube an Gott schenkt. Der Hoffnungslosigkeit das entgegen setzten, was Christen ausmachen sollte: Vertrauen in das Leben und die Gewissheit, dass gestern, heute und in Ewigkeit Größeres als unser kleiner Geist und unser kleines Gemüt uns umgibt und erhält.