Zeit für Bündnisse
Bündnisse jeder Art geraten in unseren Tagen unter Druck.Ob Nato oder EU – wie lange halten sie noch ihre Versprechen, wie lange können sie sie halten? Die regelbasierte Ordnung wird von vielen Seiten angegriffen. Wer Feind ist und wer Freund, wer weiß das schon? Wir müssen selber klar kommen, heißt es dann. Aber kann ein Mensch, ein Volk, eine Gesellschaft ohne Bündnisse auskommen? Und gilt nicht, dass alles langfristig verlässlich und vertrauensvoll sein soll? Wir können jetzt auch an eine Ehe denken, die so manche Zerreißprobe bestehen muss. Auch sie ist ein Bündnis. Mal verschworen, mal trotzig. Mal wunderschön wandelnd auf Höhenwegen, mal mühsam auf steinigen Wegen.
Der Sonntag heute hat es auch mit einem Bündnis zu tun. Mit dem Bündnis, dass Gott mit seinem Volk eingeht. Das ist eine lange Geschichte. Das hat eine lange Geschichte. Dieses Bündnis ist auch unter Druck geraten, immer wieder sogar, zerbrach aber nie. Das liegt freilich an ihm, der, verliebt in Menschen, sein Bündnis aufrechterhält. Nein, es erneuert. Er fängt immer wieder neu an, wenn alles in die Brüche geht. Oder Menschen den Eindruck haben, so könne es unmöglich weiter gehen. Dann wird eine neue Geschichte geschrieben. Sogar mit einem neuen Layout, einer neuen Überschrift und – neuen Gedanken! Gottes Bündnis wird rundum erneuert.
Der Prophet Jeremia, von dem wir so viel nicht wissen, hat tatsächlich dazu eingeladen, die Geschichte, die er erzählt, nicht nur nachzuzählen, sondern sie aufzufüllen, zu erweitern, an ihr weiterzuschreiben – und keiner soll merken, dass es nicht mehr Jeremia ist, der spricht! Das ist genial: Wir sagen, das von Jeremia gehört zu haben– und erzählen unsere eigene Geschichte. Neugierig geworden? Das ist die beste Voraussetzung! Hören wir einmal, was Jeremia sagt:
(Lesung des Predigttextes Jeremia 31,31-34).
Was fällt auf? Es ist von Zukunft die Rede! Von dem, was kommt! Die Vergangenheit leuchtet auch auf, aber es wird niemand schuldig gesprochen, keine alte Rechnung aufgemacht, Andeutungen reichen. Die, die es wissen, wissen, worüber gesprochen wird – die, die es nicht mehr wissen, müssen nicht erst in alte Geschichten eintauchen. Man spürt den fast schon jugendlichen Elan, nach vorne zu gehen. Da sind wir doch dabei! „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen.“
Es kommt die Zeit
Zeitansagen hat es immer schon gegeben. Gelegentlich auch als Zeitenwende bezeichnet. Da gebe ich zu, vorsichtig zu sein: Ich bin doch nicht der Herr der Zeit! Aber wenn Gott sich so vernehmen lässt, dann ist das eine Zusage. Nicht unverbindlich, keine Bedingungen, keine Zweifel: Siehe, die Zeit ist schon dabei zu kommen! DIE Zeit! DIE eine! DIE, auf die es ankommt. Keine ferne Zukunft, kein Sanktnimmerleinstag. Guck! Und was kommt? Hören wir noch einmal hinein, was Jeremia gehört hat – und kommen sieht: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr.“
Klar, es ist eine Gottesrede! Aber sie findet den Weg in mein Herz! Mein Herz schlägt ja nicht nur ununterbrochen in meiner Brust – und gut, wenn ich das nicht merke! Ein Herz kann weh tun. Auch im übertragenen Sinn: Ich spüre einen Schmerz. Ich spüre meinen Kummer. Ich spüre meine Angst. Aber springt das Herz nicht auch vor Freude? Leicht wie das Glück? Jeremia weiß zu sagen: Gott zieht ein. In mein Herz. Ich habe seinen Sinn in meinem, sein Wort in meinem. Gott – nein, er ist nicht der fremde Unbekannte, der, der so unendlich weit weg ist. Er ist mir nahe. Ich spüre ihn. In meinem Herzen. Eigentlich ist das doch sehr gewagt, was Gott uns sagt – sagen lässt. So gewagt, dass sich Gott abhängig macht von uns. Von mir. Sein Gesetz, sein Wort, sein Sinn – bei mir. In mir. Hat er sich das gut überlegt? Ich traue meinem Herzen nicht. Manchmal tut es weh, weil ich nicht weiß, wer ich bin. Wenn ich an mir zweifle. Wenn mir meine eigene Lebensgeschichte zum Infarkt wird.
Jeremia aber scheint mich besser zu verstehen als ich mich. Er sieht mich als Hoffnungsträger: Gottes Gesetz, sein Wort, sein Sinn in mir. Ein schöner Gedanke! Ich bin mehr – und anders – als ich denken kann. Zu den schönsten Zügen dieser Verheißung – so wird man das wohl sagen dürfen – gehört, dass wir auch als Gemeinde so betrachtet werden: Ich muss niemanden belehren, ich muss auch nicht alles besser wissen, ich muss nicht auf der Lauer liegen – wir alle erkennen Gott. Klein und groß, heißt es bei Jeremia. Die Jugend läuft nicht davon, die Alten bremsen nicht. Wenn Gott in Herzen wohnt – dann finden Herzen zueinander. Genau genommen eine Traumvorstellung, wie ich sie nicht besser beschreiben kann: Wir können einander ins Herz schauen und Gott unter uns entdecken. Auf einmal bekommt jedes Gesicht einen eigenen Glanz. Den Glanz göttlicher Nähe. Manchmal ist es ganz schön schwer, einen Menschen so anzusehen. Es ist ein Glücksfall, dass wir das an diesem Sonntag, in diesem Gottesdienst, zu hören bekommen. „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen.“
Ein neuer Bund
Nun heißt es, dass die Zeit noch kommt und dass ein neuer Bund geschlossen werden wird. Zukunftsmusik? Wann soll, wann kann das sein? Ich gebe zu, in dem, was ich bisher sagte, schon keinen Vorbehalt mehr anzunehmen. Ich habe so getan, als sei es so. Also, etwas Gegenwärtiges – und Normales. Jetzt werde ich doch stutzig. Bin ich mir zu sicher? Habe ich Grenzen missachtet? Muss, darf ich noch etwas erwarten?
Jeremia freilich ist ein Prophet der Vergangenheit. Wir könnten uns seiner Zeit annähern – sie ist weit entfernt. Auch die Menschen, die ihm ein Buch gewidmet haben, die seine Predigten sammelten und ergänzten und aktualisierten – sie sind nicht einmal bekannt. Aber sie haben etwas gewusst: Es wird so kommen – weil Gott kommt. Tatsächlich wird der Prophetie, den Propheten nachgesagt, dass sie sagen würden, was noch kommen soll. Was- noch nicht ist!
Es ist gut, sich nicht auf das zu verlassen, was ist.
Es ist gut, sich nicht auf sich selbst zu verlassen.
Es ist gut, noch etwas zu erwarten, was noch nicht ist.
Ein neuer Bund soll kommen! In der christlichen Auslegung ist der neue Bund mit dem Neuen Testament identifiziert worden. Jesus ist gekommen. Er erfüllt die Verheißungen des alten Bundes. Aber ist nicht der neue Bund, von dem Jeremia zu sagen weiß, auch dem Volk Israel – heute – zugesagt? Im Laufe der Geschichte haben die Kirchen die Verheißung des neuen Bundes gegen die Juden, gegen das Volk Israel, gewendet. Ihnen bleibt nur der alte Bund, der, so heißt es bei Jeremia, von ihnen gebrochen wurde – und wofür sie zu strafen und zu verurteilen sind. Von Jahrhundert zu Jahrhundert. Heute taucht der Antisemitismus wieder aus alten Löchern auf.
Doch der alte Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat, ist nie veraltet. Er ist auch nicht aufgehoben. Ihm ist kein Vorbehalt eigen. Weil: Gott ist treu und verlässlich. Das Wort, das er gegeben hat, überdauert alle Krisen. Auch alle Glaubenskrisen. Auch alle Lebenskrisen. Kein Mensch, kein Volk, keine Tradition hat ein Recht, den alten Bund zu schmähen und – sich von ihm abzuheben. Angeblich, weil Gott einen neuen Bund mit uns – mit uns – mit den anderen – geschlossen habe. Sozusagen: er habe die Seiten gewechselt. Eine unheilvolle Geschichte ist aus diesem Denken erwachsen. So lange ist es noch nicht her, dass Menschen sagten, Gott habe den neuen Bund mit den Deutschen geschlossen. Kriegspredigten im 1. Weltkrieg … Völkisches Denken im Nationalsozialismus … das Parteiprogramm der AfD…
Ein neuer Bund wird kommen! Er wird von Gott gestiftet, indem er den alten Bund neu in Kraft setzt. Das geht von ihm aus. Er ist der Garant, dass sein Gesetz, sein Wort, sein Sinn menschliche Herzen erobert und befreit. Von Hass und Vorurteilen. Von Angst und Verzagtheit. Wenn er kommt, kann nichts beim Alten bleiben. Das haut rein! Richtig ist – und Jeremia hat es gewusst – dass Gott uns immer voraus ist. GOTT fängt mit uns neu an. GOTT befreit uns von alten Geschichten. GOTT führt uns in sein Reich. Das heißt auch: Ich bin nicht fertig. Ich schließe mich nicht in meine Geschichte ein. Ich schließe keinen Menschen in seine Geschichte ein. Ich nicht! Weil: GOTT tut es nicht. „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen.“
Abschied und Neuanfang
Der Sonntag heute hat im Kirchenjahr seine eigene Bedeutung. Vierzig Tage nach Ostern feierten wir am Donnerstag Christi Himmelfahrt. Zehn Tage danach feiern wir am nächsten Sonntag Pfingsten. Das Fest des Geistes Gottes, der stürmisch und feurig Menschen mitreißt und ansteckt.
So sehr uns der Abschied Jesu zu schaffen macht, er ist der neue Anfang! Jesus hat seinen Jüngern, bevor er vor ihren Augen „aufgehoben“ wurde (so der Evangelist Lukas wörtlich), sein Wort gegeben: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ Die Kraft des Heiligen Geistes: das ist das Gesetz Gottes, sein Wort, sein Sinn mitten unter uns. In mir. In anderen. Wir erkennen ihn. Groß und klein.
Der Sonntag heute hat es mit einem Bündnis zu tun. Mit dem Bündnis, dass Gott mit seinem Volk eingeht. Das ist eine lange Geschichte. Das wird eine lange Geschichte. Dieses Bündnis ist auch unter Druck geraten, immer wieder sogar, zerbrach aber nie. Das liegt freilich an ihm, der, verliebt in Menschen, sein Bündnis aufrechterhält. Nein, es erneuert. Er fängt immer wieder neu an, wenn alles in die Brüche geht. Oder Menschen den Eindruck haben, so könne es unmöglich weiter gehen. Dann wird eine neue Geschichte geschrieben. Sogar mit einem neuen Layout, einer neuen Überschrift und – neuen Gedanken! Heute bin ich ein neuer Gedanke!