Zuerst den Menschen sehen
Gesellschaftlichen Konventionen sind zeitbedingt
| Predigttext | Johannes 9,1-7 |
|---|---|
| Kirche / Ort: | Evangelische Kirche / Walldorf b. Heidelberg |
| Datum: | 26.07.2026 |
| Kirchenjahr: | 8. Sonntag nach Trinitatis |
| Autor: | Pfarrer Dr. Uwe Boch |
Predigttext: Johannes 9,1-7 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)
1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. 2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? 3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. 4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist;[1] es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden 7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
Früher haben wir als Kinder immer Blinde Kuh gespielt. Erinnern sie sich? Und uns lustig darüber gemacht, wenn die „Kuh“ hilflos durch die Gegend gerannt ist. Eventuell noch gegen einen Türpfosten oder so. Heute nennt man sowas Ableismus. Haben sie das Wort schon mal gehört? Da geht es darum, dass gesundheitliche Einschränkungen, im Normalfall die angeborenen sogenannten Behinderungen abgewertet werden. Aber auch Erworbene, etwa durch Unfall Hervorgerufenene, zum Spott werden. Ich weiß, für viele ist das ein kontroverses Thema. Wie soll so etwas Harmloses wie das Blinde Kuh-Spiel, mit wir uns damals selbstverständlich auf Kindergeburtstagen unterhalten haben, plötzlich zum diskriminierenden Spiel werden? Ist das wieder eine woke Idee der linksgrün versifften Gutmenschen, die aus Prinzip alles in Frage stellen, was für uns selbstverständlich war?
Sie kennen die vielzähligen Diskussionen um Straßenumbenennungen, um die Bezeichnung von Rollstuhlfahrer als Krüppel, das Z-Wort für Sinti und Roma, oder das sogenannte N-Wort für dunkelhäutige Menschen. Vom Gendern will ich ja gar nicht reden. Zu viele fühlen sich in ihrer freien Entfaltung eingeschränkt oder gar persönlich angegriffen. Wenn sie plötzlich liebgewordene Gewohnheiten und Sprachgebräuche ändern sollen.
Nun ist es aber so, dass eine Gesellschaft sich verändert. Das deutlichste Beispiel ist der jahrhundertelange Hass auf Juden in Mitteleuropa. Keiner – außer den ewiggleichen Vollidioten - würde heute sagen, dass die Konzentrations- und Vernichtungslager der Nazis berechtigt waren, weil das schon seit Jahrhunderten so war. Ein anderes die strafrechtliche Relevanz von Homosexualität.
Gesellschaft verändert sich. Und sie entwickelt sich fort. Was bis 1994 noch als 175er – nach dem entsprechenden Paragraphen – abwertend gesehen wurde, verschwand glücklicherweise aus dem Strafgesetzbuch. Gesellschaft verändert sich zum Glück. Sprache verändert sich auch. Es gehört zu den Aufgaben jeder Generation, diese Veränderung nicht besserwisserisch zu kritisieren, sondern zu begleiten. Warum erzählt der das jetzt in der Predigt? Nun, weil es diese Frage schon immer gab. Auch im Christentum Ableismus nicht fremd ist. Ich erzähle die Geschichte aus Johannes 9, die heute die Grundlage des Gottesdienstes ist:
Jesus kam auf seinem Weg an einem blind geborenen Menschen vorbei. Da nutzten seine Freunde die Gelegenheit und sprachen ihn darauf an. Für sie war er ihr Rabbi, ihr Lehrer: „Meister, wer hat da gesündigt, dass der Mann blind geboren ist? Er selbst oder seine Eltern? Und Jesus antwortete schnell: „Weder hat er gesündigt noch seine Eltern. Vielmehr sollen an ihm die Wunder Gottes gezeigt werden. Wir sind aufgerufen, Gottes Wunder zu wirken, solange ich da bin. Denn ich soll die Welt hell machen. Wenn manmich vergisst, wird es dunkel und es wird vergessen, was Gott tun will. Ich bin das Licht der Welt.“
Und dann spuckte er auf den staubigen Boden, bückte sich, macht aus Erde und Flüssigkeit einen Brei und strich ihn auf die Augen des Blinden. Und er sagte: „Geh zum Teich Siloah und wasche dich!“ Und der Mensch vertraute ihm und ging zum Wasser, wusch den Brei von den Augen und kam als Sehender zurück.
Natürlich birgt diese Geschichte viele Fragen. Wird da ein Mensch von Gott oder Jesus instrumentalisiert? Kann das wirklich sein, dass das, was wir heute mit komplizierten Operationen nicht erreichen können – einen Blindgeborenen sehend machen – für Jesus wirklich möglich war? Es ist nun einmal eine Wundergeschichte. Bei Johannes heißen diese Wunder „Zeichen“. Weil sie immer darauf hinweisen, dass in Jesus Gott in der Welt wirkt. Und weil Johannes sie erzählt, um die Bedeutung Jesu für die Menschheit herauszustellen. Man muss gar nicht dahin gehen, dass man sie als rein symbolische Geschichte nimmt. In dem Sinn, dass „blind“ eigentlich die Unfähigkeit meint, die Welt wahrzunehmen: „Wir sind blind für die Probleme armer Menschen“, etwa. Das stimmt zwar. Aber es nimmt die Geschichte nicht ernst. Und auch den Autor, der sich Johannes nennt, nicht. Es geht um Jesus. Um seine für jeden Juden sichtbaren Eigenschaften als Messias. Als der, der das Heil in die Welt bringt. Dazu gehören nun einmal solche Wundergeschichten, weil konkrete Heilung und Heil eng beieinander liegen.
Aber: Etwas Anderes an der Geschichte berührt. Mich eben der Teil mit der Sünde. Wie oft werde ich gefragt, von gläubigen Christen oder ganz und gar säkularisiert glaubenden Menschen: Was habe ich, meine Mutter, mein Vater denn getan, dass Gott uns so straft? Wie habe ich den Krebs verdient? Was habe ich getan, dass Gott mein Kind so schwer krank werden lässt. Im Christentum gibt es da eine ganz besondere Form von Ableismus, der Jesus in der Geschichte begegnet: Die Idee, dass Krankheit, auch sogenannte Behinderung, etwas mit Sünde zu tun hat. Über Jahrhunderte bis heute hat sich das gehalten in den Köpfen der Menschen. Dieses Missverständnis wurde von der Kirche nie ausgeräumt. Jesus wurde dafür auch hart angegangen. Denn das geht gar nicht, dass einer da den scheinbaren Kreislauf aus Tun und Ergehen, aus Sünde und Krankheit durchbricht. Was schon immer gegolten hat, kann nicht plötzlich anders sein, sagten die Pharisäer, die Gelehrten im jüdischen Gesetz und im Glauben. Und es wurde gerne übernommen. Von den Theologen der Kirche und denen, die einfache Lösungen anbieten wollen:
Du willst geheilt werden? Dann löse dich erst einmal von aller deiner Schuld. Heißt es heute noch ein vielen Gemeinden, die die Heilung als Lockmittel benutzen. Das ist nichts anderes als christlicher Ableismus. Die Krankheit oder Einschränkung wird abgewertet als eigene Schuld: „Der wird schon irgendwas gemacht haben, dass Gott ihn straft“. Und das wertet die Person ab. Jesus durchbricht das. Er bricht mit den Normen und Werten seiner Zeit. Nicht mit dem jüdischen Glauben. Sondern mit den Gesetzen und Gewohnheiten, die daraus in der Gesellschaft entstanden sind.
Jesus würde man heute als „woke“ bezeichnen. Weil er sehr wach darauf schaut, was dem Menschen wirklich gut tut und ihm hilft: „Weder du hast gesündigt noch deine Eltern“ kann er ihm sagen. Dass er ihn dann als Instrument für den Beweis seiner eigenen Gottesnähe sieht, ist eine andere Sache. Aber auch darin nimmt er seine Krankheit ernst und sieht ihn als bedürftigen Menschen. Ich denke vor allem darauf kommt es an:
All unsere gesellschaftlichen Konventionen, all unsere Gesetze und scheinbar moralischen Regeln, sind zeitbedingt. Keiner kommt ins Fegefeuer, wenn er fremd geht. Er schafft sich vielleicht seine eigene Hölle, aber das ist ein reines Lebensproblem, kein Glaubensproblem.
Ich glaube wir tun gut daran, wenn wir wie Jesus zuerst den Menschen sehen und nicht unsere vermeintlichen moralischen Grundsätze. Und nicht unsere vermeintlich festgeschriebenen Gesetze. Und nicht vermeintliche Glaubenswahrheiten, die immer vom Zeitgeist abhängen. Jesus macht da schon etwas Wichtiges, auch wenn es in die Messias-Erzählung des Johannes eingebettet ist. Er schaut zuerst auf den Menschen und darauf, was er braucht. Er scheut sich nicht, der Gesellschaft klar zu machen: Auch wenn ihr das mit dem Zusammenhang von Krankheit und Sünde „schon immer“ gelebt habt: Das entspricht ganz sicher nicht dem Blick Gottes auf die Welt. Krankheit verlangt in Jesus‘ Augen nicht nach Schuldzuweisung. Sondern nach Heilung und Hilfe. Und neue Lebensentwürfe sind kein Affront gegen mich. Sondern sie gehören zum legitimen Bedürfnis des Menschen sein eigenes, ihm gemäßes Leben zu leben.
Es tut keinem weh, und niemand verliert etwas, wenn er oder sie Queerness und Behinderung und Transsexualität – als Beispiele - ernst nimmt. Ganz gewiss nicht. Es rüttelt vielleicht an den Grundfesten seiner angelernten, gesellschaftlich geprägten Überzeugungen. Aber es schadet niemandem. Es verlangt eine geistige Flexibilität. Die Fähigkeit, das Leben an veränderte Bedingungen anzupassen. Aber es zerstört nicht das Leben. Sondern entwickelt es weiter, erweitert das Spektrum und hilft uns – wie Jesus – den Menschen zu sehen. Genauso, wie Gott es will.